»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.
»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen.«
Drittes Kapitel.
Der schauerliche Abend.
(Fortsetzung.)
Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal für einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechselung weniger bei jenen platten, alltäglichen nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten vorkommt.«
Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, »daß er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis zu prägen.«
»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, ein preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. »Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich alle Tage den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen über schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie überzeugt von mir weg, daß ich nicht Michele d'Agata sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an: ›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war sein Gruß, indem er vorüberging. – Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«