Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. »Ihr seid ein Landsmann von mir,« fragte ich nach seinem Gruß, »Ihr seid ein Deutscher?«
»Alle Menschen sind Brüder und gleich vor Gott,« antwortete er; »aber die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.«
»Da habt Ihr recht,« erwiderte ich, »besonders wenn sie in einer engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslästerlichen Stadt?«
Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: »O welche Freude hat mir der Herr gegeben, daß er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist der erste, der mir hier saget, daß dies die Stadt der babylonischen H–, der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum der Heiden, laufen umher in diesen großen Götzentempeln und nennen alles ›heiliges Land‹, selbst wenn sie Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten.«
»Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere Brüder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, müssen fromme Seelen sein.«
»Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; man weiß allerlei von seinem früheren Leben, und nachher, da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses Uebel in die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese Untersuchungen? sie führen zum Unglauben. Die Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum Durchbruch gekommen ist, bleibt er ein Sünder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelahrteste Doktor.«
»Du hast recht, Bruder,« erwiderte ich ihm; »und ich war in meinem Leben in der Seele nicht Vergnügter, nie so heiter gestimmt, als wenn ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitälerin das Wort verkündigen hörte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?«
»Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenlande, wo es mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntag abend in mein Haus wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in dieses Sodom und Gomorrha, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglück niedergedrückt. Es ist ihr ganz recht geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sünder. Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, daß sie so sicherlich abfahren soll, dorthin wo Heulen und Zähnklappern. Ich sprach ihr zu, und sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzählte sie mir von einem Mann, den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat mich, ob ich nicht lösen könne diese Bande kraft des Geistes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier.«
Während der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit dem Fräulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errötend, ob ich mit der Familie des Kapitän West in Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.