»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß, wer ist er denn?«
»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.«
»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so kläglich winselt?«
»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem zweiten Tag, daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt Kapwein.«
»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar.
»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques 84¾, österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?«
So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.
Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,« flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer.« Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite; wie man sich täuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard von der Verfasserin der Urika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil, ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann mit frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte.
Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergebens; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken, er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.
Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.