»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Rußland sei plötzlich –«
»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf der Börse wirken!« –
»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? habe dem Islam geschworen?«
»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.«
»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.«
»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«
»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das wäre dann meine Schuld!«
»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?«
»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?«
»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben.«