4.
Das gebildete Judenfräulein.

Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.

»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit feinem Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von ferne an, und wie angenehm riechen sie nach Eau de Portugal

»O gewiß, auch nach Fleur d'orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?«

»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hôte, jehen auf die Promenade schön ausstaffiert comme il faut, haben zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«

»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er wohl echt?«

»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildschen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton wie unsereine.«

»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«

»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. »Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf die Art meinen Jeist und mein Orkan aus.«

»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«