Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm. »Wo kümmt er här? Wo will er hün?« riefen sie. »In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in weißen Schwanen?« – »Der Herr is wohl ä Korrier?« – »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen Brief mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.« – »Da an der Ecke geht's rechts, dann die Straße links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit.« So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte, und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.
6.
Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle.
Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe, annehmen werde.
Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R…, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. »Gotts Wunder!« sprach er bedächtlich riechend, »Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und – sie waren richtig.
Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen, so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei, welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche Winke bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle.
Börsenhalle! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen, wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat wäscht – sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, den Hut in den Nacken zurückgedrückt, umher und fragen einander: »Nun, wie stehen sie heute?« Du wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben deutlich zu lesen: – Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: »Ae Korrier es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer hat'n gekriecht?« »Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?«
»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?«
»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!«
»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi? Hat er oder hat er nicht? Wie werden se stehen?«