›Nicht von der Stelle, ohne gehörige Bewachung. Wache! Zwei Mann auf jeder Seite von Madame. Bei dem ersten Versuch zur Flucht – zugestoßen!‹
Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
›Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Morde finden,‹ sagte sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.
›Taschenbuch für 1802,‹ murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug und durchblätterte, ›was Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: Pauline Dupuis von – mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von – und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?‹
›So ist es,‹ antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.
›Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?‹ fragte ich, den Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.
›Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,‹ sagte die Lachende, ›und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.‹
Was brauche ich noch dazuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die Erzählung »Pauline Dupuis« ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht. Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten hatte.« –
Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zu teil, und ein gnädiges Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die Berliner, welche nie an den Rebhügeln des Neckars und an den fröhlich grünenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen, herzlichen Lieder aus dem Munde eines »luschtiga Büebles«, oder eines rüstigen hochaufgeschürzten »Mädles« belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften Hügeln, von klaren blauen Strömen, von blühenden, duftenden Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe. Immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande werden alle Tage viele tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen »Schwabenstreiche« bekannt seien.