Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja, sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? – sie schien verwundert über mein Schweigen.

›Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich unterstützt? Doch, lassen Sie uns gehen, es wird spät.‹

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm. Sie drückte zärtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht möglich – das Mädchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. – Ich wagte es – ich übernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollt' ich wählen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.

›Mein Gott,‹ rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ›Otto, wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.‹

O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schönen Munde. Schon oft hatte ich die Römerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich in Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß erwarteten.

›Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen, daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!‹ weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels tauchte. ›Wie bin ich so allein! – Und wenn ich dich nicht hätte, mein Otto!‹

Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schönste lieblichste Kind im Arme, und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ›Wie könnte ich dir zürnen.‹

Sie schaute freudig dankbar auf – ›Du bist wieder gut? Und o! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heute so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.‹