So mußte er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um zu zeigen, daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluß, daß ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alkibiades und zunächst ihm Hermann von Nordenschild für die größten Männer halte. Man könne ihnen den Ritter Euros, welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen so großes Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt.
Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er mürrisch sagte: ›Er wird wieder ein schönes Geschmier haben, Garnmacher!‹
›Lesen Sie, und dann – richten Sie,‹ gab ich ihm stolz zur Antwort und verließ ihn.
Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt würde über den würdigsten englischen Theologen, und es würden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of Wakefield dargetan, wer würde da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis' XIV. gefragt würden, und Sie priesen die neue Heloise, würde man Sie nicht für einen Rasenden halten? Hören Sie, welche Torheit ich begangen hatte!
Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte, erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir ein Tag des Unglücks gewesen. Gewöhnlich schlich ich mich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiß sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, öffentlich geschmäht zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den schönsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei auch im Aeußern des Preises nicht unwürdig, welcher mir heute zuteil werden sollte.
Der Rektor fing an, die Aufsätze zu zensieren. Wie ärmliche, obskure Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt: Hermann, Karl den Großen, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen – er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart – als die besten!
Endlich ruhte er einige Augenblicke, räusperte sich und nahm ein Heft mit rosenfarbner Ueberdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fühlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lächeln verziehen wollte, aber ich gab mir Mühe, bescheiden bei dem Lob auszusehen. Der Rektor begann: ›Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen daraus vorlesen!‹ Er deklamierte mit ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so großer Begeisterung niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelächter aus mehr als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluß gelangte, wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren Domschützen noch einige Blümchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fäusten meiner Mitschüler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: ›Es wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten, wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre. Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du Dedecus naturae, hierher zu mir!‹
Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm stand, daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt über mich herab, von der ich nur soviel verstand, daß ich ein bête war und nicht wußte, was Geschichte sei.
Es begegnet zuweilen, daß man im Traum von einer schönen blumigen Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt. Man schwindelt, indem man die unermeßlichen Höhen herabfliegt, man fühlt die unsanfte Erschütterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Höhe, von der man herabstürzte, ist mit allen ihren Blütengärten verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!
So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschüttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte. Ich war arm wie jener Krösus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!!