Man hat viel über und gegen dieses großartige Unternehmen, das ich, wiewohl zufällig, ins Leben rief, geschrieben und gesprochen. Wenn man bedenkt, daß in der kurzen Zeit von zwei Jahren fünfundsiebzig Bände oder fünfundzwanzig Romane aus der Fabrik des deutschen Unbekannten hervorgingen, so muß man zum mindesten den Fleiß und die Ausdauer der Teilnehmer bewundern. Man hat vorgeworfen, daß einige geschichtliche Charaktere gänzlich verzeichnet seien, daß sogar bedeutende Anachronismen vorkommen; aber wie kraftlos erscheint ein solcher Vorwurf gegen die übrigen Vorzüge des Unternehmens! Sind nicht alle Gegenden so treu geschildert, daß man sieht, man habe nicht die Natur, sondern wirkliche Gemälde abgezeichnet? Haben wir nicht bei den Kleidungen unserer Helden und Damen die Kostüme des pünktlichsten und genauesten Theaters von Europa als Vorlegeblätter vor uns gehabt? Hat nicht Herr Salzer mit schwerem Gelde allerlei altertümliches Hausgerät aus Burgen und Rüstkammern gekauft, damit wir desto richtiger zeichneten?

Das ist historische Wahrheit und Treue, und das ist es auch, was das Publikum verlangt; das übrige, genaue Beachtung der geschichtlichen Charaktere oder Zeiten ist nur Nebensache; Kleider, Schuhe, Stühle, Häuser usw. wird man in allen fünfundsiebzig Bänden niemals unwahr finden. Daß nach zwei Jahren schon diese Art von Darstellungen aus der Mode kam, war nicht unsere Schuld; aber leider scheiterte das schöne Unternehmen an der Veränderlichkeit des Publikums. Aus der Mode entstand das Ganze, und mit dem günstigen Wind dieser Mode segelten wir auf dem Strom der Geschichte, und unser Wahlspruch war: »Verletzet eher die Wahrheit der Geschichte, verzeichnet lieber einen historischen Charakter, nur sündiget nie gegen die Mode der Zeit und den herrschenden Geschmack des Publikums.«


Freie Stunden am Fenster.

Laetus sorte tua vives sapienter.

Horatius.

1.

Mein Onkel war gestorben; er hinterließ ein hübsches Vermögen, das meinen heimlichen Kummer wieder stillen konnte; aber er hatte es einer Witwe vermacht, die er noch in seinen alten Tagen gern gesehen. Ich erklärte, der Wille des Seligen sei mir zu heilig, als daß ich ihn umstoßen möchte, d. h. die Advokaten hatten mir gesagt, daß ich den Prozeß in allen Instanzen verlieren würde; aber die ganze Stadt pries meinen Edelmut. Sie hatte gut loben, die ganze Stadt; Loben kostet nichts, aber um so viele Hoffnungen betrogen, um das ganze Vermögen des Onkels ärmer zu sein, das war hart! Ich habe in meiner Jugend im Kinderfreund gerne ein Stück gelesen, es hieß: »Edelmut in Niedrigkeit«; nachher hat mich oft ein anderes: »Armut und Edelsinn« bis zu Tränen gerührt. – War es vielleicht die Ahnung, daß ich einst diese Rolle selbst spielen müsse, was mir Tränen auspreßte? Meinen einzigen Trost, meine süße Hoffnung, die Tante in Leipzig, rührte vor vier Wochen der Schlag. Ich, ihr nächster Leibeserbe, machte bei dieser Nachricht bedeutende Einkäufe in schwarzem Tuch, zog einen ganz neuen Menschen an, und meine Bekannten wußten sich diesen Aufwand nicht zu erklären. Die Tante hat ihre Taler einem ganz fremden Menschen vermacht. Ich dachte anfänglich, aus Haß gegen mich, weil ich einmal geäußert: die Zeitung für gebildete und noble Menschen sei schlechtes Zeug, sie aber hatte alles trefflich und genial gefunden; aber nein, es verhielt sich anders. Die Tante, ich erfuhr es erst vor einigen Tagen, die selige Tante war Schriftstellerin gewesen. Unter dem Namen Idoina Strahlen hatte sie in die Zeitung für noble etc. Erzählungen, Aphorismen aus ihrem Leben, Romanzen und dergleichen geliefert. Ja, sie hatte sogar Romane für Leihbibliotheken geschrieben; wer kennt nicht »Lisbethas letzte Seufzer« in Duodez; »Die Mohrenschlacht oder die grausamen Herzen, eine spanische Geschichte«; wem ist nicht »Meine erste Liebe oder der blutige Säbel« bekannt? Ich hatte sie oft auf die Seite geworfen, wenn sie mir nebst anderer dergleichen Ware in die Hände fielen; konnte ich denken, daß sie mich um mein Erbe bringen würden? Idoina las alle ihre Produkte einem Magister vor, der sie quoad stylum korrigierte, reinlich abschrieb, an die Zeitung für noble etc. oder an die Verleger verschickte und, wenn sie erschienen waren, in sechs oder acht Journalen günstig rezensierte. Es konnte nicht fehlen – die selige Tante hinterließ ihm ihren Mammon.

Das neue Kleid war gekauft und konnte nicht mehr ungekauft gemacht werden; ich verkaufte mein Piano, um jenes zu bezahlen. Es war gut, daß nicht noch etwas Schwereres zu vergüten war. Als mir nämlich die Kunde von dem Tod der seligen Idoina kam, als ich mich im neuen Kleide vor dem Spiegel musterte, fand ich, daß ich gut genug zu einem Ehemanne aussehe. Wenn ich nicht irrte, so mochte dies auch des Oberhofmeisters Trinette finden. Ich hatte Aussichten, gemächlich mit einer Frau leben zu können; ich las aufrichtige Liebe in ihren schönen, braunen Augen; ich wollte endlich einen Schritt vorwärts tun, da kam die Leipziger Post, der Magister hatte das Erbe, und ich – blieb stehen, ich ging rückwärts. Jetzt erst war ich arm, denn ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich dachte ernstlich über meine Stellung in der Welt nach und fand, daß ein armer Teufel eine um so traurigere Rolle spiele, je weiter er oben steht. Moreaus Rückzug wird für das Glänzendste gehalten, was dieser große General getan hat. An mir war es jetzt, eine ähnliche Operation zu machen; ich mußte mich ohne Schande aus den Salons zurückziehen, mein Rückzug mußte einem Siege gleichen, wenn ich mir das Erröten ersparen wollte. Man kann sich denken, daß ich am schwersten daran kam, jene treffliche Stellung zu verlassen, die ich gegen die Bastion Trinette eingenommen hatte. Meine Vorposten waren schon so weit vorgeschoben, daß sie täglich mit dem Feinde plänkelten, ich war daran, die Laufgräben zu eröffnen, es war mathematisch gewiß, daß ich siegen mußte; wer hat eine solche Stellung nicht mit einer Träne im Auge aufgegeben?