Ich hatte einige Zeit mit diesen Betrachtungen hingebracht, als ich Madame plötzlich aufstehen sah; sie winkte der Cousine, sie deutete ans Fenster; das schöne Mädchen öffnete und sah heraus, sie heftete ihre Blicke auf die Haustüre. Ich war begierig, wer erscheinen werde, denn offenbar erwartete sie jemand, der aus dem Hause treten sollte; war es der Russenschuster? Hatte der Pariser ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Oder ging vielleicht jemand aus dem obern Stock an ihrem Zimmer vorbei? etwa der Doktor oder Münsterturm, der kleine Leutnant? Er war es, der Kleine! Aber welchen sonderbaren Anblick gewährte er! Gleichsam zum Hohn hatte ihm die Natur einen großen Namen gegeben; wer dachte sich nicht, wenn er vom Leutnant Münsterturm hörte, einen Kerl, der dem Kölner oder Straßburger Münster Ehre machte? Aber er war ein Duodez-Münsterchen. Er hatte eine tiefe rauhe Stimme; wenn man die Augen zumachte und ihn fluchen und donnerwettern hörte, glaubte man wenigstens einen riesenhaften Kürassier vor sich zu haben. Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus; es ist der kleine Münsterturm. Er kündigte sich zuerst durch das schreckliche Klirren eines nachschleppenden Säbels an; dann kam ein ungeheurer Hut mit wehendem Federbusch aus der Türe, unter ihm wandelte der Leutnant. Dieser Soldat schien seine verkürzten Formen dadurch entschädigen zu wollen, daß er alles, was er sich selbst beilegen konnte, in größtem Maßstabe hatte; seinen ungeheuren Bart, die lange Pfeife, die er mit zwei Händen balanzierte, hatte ich früher schon bewundert. Der Hut samt Federbusch maß drei Schuh in der Höhe, also zwei Dritteile von dem Leutnant, sein Schwert war eine furchtbare Waffe und reichte ihm, wenn es aufrecht neben ihm stand, hoch über die Brust. Er führte die längste Reitgerte, die ich gesehen, lange Sporen rasselten an seinen Füßchen; er ging wohl aus, um einen Morgenritt für sechs Groschen zu machen. Er machte Front vor der Haustüre, ich sah, daß er unter seinem Hut hinaufschielte in den ersten Stock; er bemerkte die Fremde, eine angenehme Freude blitzte, mir sichtbar, aus seinen Augen; er tat, als hätte er sie nicht erblickt.
Er hieb mit der Reitpeitsche auf seinen Stiefel und rief mit tiefer, dröhnender Stimme: »Johann!«
Ein großer Kerl in abgetragenen Soldatenkleidern fuhr aus dem Haus, stellte sich in militärische Position, die Hand an der Mütze, und antwortete: »Herr Leutnant!«
»Schlingel!« fuhr der Kleine fort, »hab' ich dir nicht gesagt, du sollest meine Flöte jeden Abend einsalben mit Mandelöl? Ha! daß dich das Donnerwetter, sie hat gestern nacht gequiekt wie ein Dudelsack. Schmier' ein! sag' ich dir, salbe das fürtreffliche Instrument, daß es weich töne, oder dich soll der T… holen, und ich lasse dich sechs Stunden auf die Latten legen, daß du kein Glied rühren kannst.«
»Ganz wohl, Herr Leutnant! aber …«
»Was aber, wenn ich befehle, gibt es kein Aber; was willst du denn?«
»Ich hätte schon gestern eingeschmiert und gesalbt, Herr Leutnant, aber der Grunsky, bei dem ich das süße Mandelöl kaufen soll, sagt, er borge – mit Respekt zu vermelden – dem Herrn Leutnant keinen Groschen mehr.«
»Was? mir das?« schrie Münsterturm mit entsetzlicher Stimme, daß meine Fenster zitterten und die schöne Fremde erbleichte. »Ich ermorde ihn, ich renne ihn mit dem Säbel durch und durch, ich zerhacke alle Gläser, Pomeranzen und Zitronen in seinem Laden in Kochstücke, der Kuckuck soll ihn holen, ihn und sein süß Mandelöl!« Der tapfere Soldat wackelte zu diesen Worten mit dem Federbusch, klirrte mit dem Säbel, stampfte mit den Sporen, focht mit der Reitpeitsche in der Luft und blinzelte hinauf ans Fenster, welche Wirkung seine Berserkerwut hervorbringe. »Doch, es ist unter meiner Würde, mich über solche Kanaille zu alterieren,« fuhr er ruhiger fort, »ich werde ihn verklagen, so tu' ich. – Johann!«
»Was befehlen der Herr Leutnant?«
»Geh in die Apotheke in der Königstraße, dort, wo es zur Kirche hinuntergeht, laß dir für zwei Groschen süß Mandelöl geben; laß es aufschreiben – die Welt kennt meinen Namen.«