Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen möglichen Schönen, aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah, daß Ida darauf warte.
Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer um. »Nein,« sagte er, »wie wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem Sofa streiten darf, denn jenes von hellbraunem Kasimir, das sich an drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht sehr warm geben zu wollen, doch Hoffart muß schon auch ein wenig Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß selbst erst aus der Residenz geschickt, denn hier wüßte ich niemand, der solche Arbeit lieferte.«
Das ging ja dem alten Herrn aus dem Munde wie Wasser; schade nur, daß er den tauben Wänden predigte, denn Ida schaute stillverklärt durch die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund, dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem Auge und – drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes zum goldenen Mond hatten sich die rot und weißen Gardinen aufgetan, und im geöffneten Fenster stand – nein, er machte es gerade zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht, als sie sich so verraten sah, aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie; nun, dachte der Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst, auf den Zahn muß ich dir einmal fühlen, also sei's.
»Sie haben brave Nachbarschaft, Ida,« sagte er, »da können Sie Ihre astronomischen Betrachtungen nach den Glutsternen des Herrn von Martiniz recht kommod anstellen: ich habe zu Haus einen guten Dollond, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa –«
»Wie Sie nur so bös sein können, Berner!« klagte das verschämte Mädchen. »Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht gewußt, daß er nur im Mond logiert: und daß ich gestern diesen Mann schon wegen seines Aeußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe, ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern Tag büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem Menschen, der so unglücklich scheint?«
»Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt,« sagte der Hofrat, »daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat? Das wissen Sie nicht, und was bekomme ich, wenn ich es sage?«
»Nun, was wird er viel dort getan haben?« antwortete Ida, vergeblich bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. »Er hat sich wahrscheinlich die Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun.«
»Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat –«
»Auf vier Wochen?« rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen Augenblick über die laute Aeußerung ihrer Freude. »Vier Wochen?« setzte sie gefaßter hinzu. »Wie freut mich das für die gute Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre Table d'hote nicht so gut sei wie im Hotel de Saxe; und kein Mensch bleibe recht lange, da hat sie nun doch einen Beweis für sich.«