Ich glaube, ich müsse vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein Kind so ungebildetes Zeug singt, was mußte nur der Graf von meiner Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, herzte und küßte es, daß mir brühsiedeheiß wurde, und fragte, wo sie das Liedchen her habe?
Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts auf und sang nachher das ›bissel polnisch und e bissel deutsch‹, wie wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der Sparbüchse in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch zeigen kann: den 12. November 1825 bekommen vom polnischen Gardeoffizier, Grafen von Martiniz.«
Der Hofrat auf der Lauer.
Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen. Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört, die Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopf herum, sinnend kam er an seinen Platz und setzte sich nieder. Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, und dennoch hatte der alte Diener gesagt, ja wenn es dies allein wäre! Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein? Etwa eine Gel– Nein! Geliebt konnte er nicht haben, denn wie konnte er nach drei Vierteljahren, so lange hatte der Diener gesagt, sei er traurig, wie konnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine Gräfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmöglich! – Hätte, wenn jenes doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen solchen Eindruck –
Ja, was wollte er denn eigentlich, der gute Hofrat; Ida hatte bestimmt auf ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar sichtbar, denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie heraufgeworfen, als hätte er eine congrevesche Batterie hinter den Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, anfangen zu sieden?
Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt davon, daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf Martiniz? Und Idchen, nun die war ja rein weg in den Mondgast verschossen. »Die Aktien stehen gut!« lachte der Hofrat in sich hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hände, »bin neugierig, ob diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem guten ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär Superklug und Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, extrafeinen Kniffen, mir muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß –«
»Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das Vergnügen –« tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr – es war Martiniz, der sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte; er hätte vor Schrecken in den Boden sinken mögen, denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit sich selbst gesprochen habe.
Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine Blöße zu geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben gerettet, und dergleichen waren bald abgemacht, ohne daß er über des Fremden Gesinnungen näheren Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne Güter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, näher beschrieben, aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein Wörtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder kaufen.