Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von Schulderoff als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen entweder nicht recht Ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man umspannte, einen Besuch machte.

Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien?

Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz. »Wie ist mir denn?« sagte er. »Ist das nicht der polnische Graf mit den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein – Ja, wahrhaftig! Jetzt fällt es mir erst ein; in dieser Gegend, sagt man, werde er sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert, denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat, da können Sie sich auf Ehre darauf verlassen, ist nur so en passant, weil er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!«

Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese Nachricht hörten. »Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein,« sagte die Schulderoff, »darf man fragen, wie diese –«

»Die Aarstein will ihn heiraten,« warf der Kammerherr leicht hin, »sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs dringendste empfohlen, denn man macht hauptsächlich wegen seines Oheims, der Minister in …schen Diensten ist, ein großes Wesen aus ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit schwärmerischer Liebe (Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz): ›Diesen und keinen andern.‹ Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem Trotzköpfchen nachzugeben; und diesmal traf es ja überdies ganz herrlich mit allen Plänen zusammen, kurz, die Sache ist eingeleitet und, soviel ich weiß, schon so gut als richtig.«

»Est-il possible, est-il croyable?« tönte es von dem Mund der erfreuten Damen; die Sorben traute aber doch nicht so ganz. »Ich kann Sie versichern,« sagte sie zum Kammerherrn, »Fräulein von Sanden, die Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen, und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!«

»Nicht zum Ziel?« lachte der Kammerherr. »Nicht zum Ziel? Das wäre doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung; die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an, aber ihr Lächeln, mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch nicht wollte, er muß sie heiraten, denn er kann doch nicht unsern Hof vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen. Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Kniee wund vor diesem Marmorengel; aber alles soll umsonst gewesen sein, zwar erzählte man sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun, Glück auf! Wenn der Graf die zahm gemacht hat, dann paßt er zu der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich; Ihr Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sachen die beste Auskunft geben, denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die Hand dabei im Spiele hat.« Der Reisewagen fuhr vor, der Kammerherr empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und Verwunderung zurück.

»Arme Ida!« sagte die Sorben spöttisch. »So viel Routine hast du denn doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei des Grafen Martiniz zu spielen. Nein! wie das Dämchen, das also in der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird, wenn der gute Mann im Mond, den sie schon ganz sicher in Ketten und Banden hat, wenn der Amoroso Bleichwangioso auf einmal morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft mit Karten, worauf Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitweten Gräfin von Aarstein, deutlich zu lesen ist.«