Aus dem freiherrlich Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines besseren, nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in der Residenz machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. freiherrliche Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3, überschrieben und lautete wie folgt:

»Freilingen, 11. Dez. 1825.

»Herr Bruder!

In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht, daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dich, Herr Bruder, vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier allgemein sagt, sie habe Dich sehr schnöde abgewiesen. Auf Ehre, Herr Bruder! Es tut mir leid, aber ein Kerl wie Du, der seine vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affaire, was ich fürs beste hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan oder mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil, denn sie hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe wohl und grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3; ich verbleibe in Bruderliebe

Dein
Franz v. Schulderoff,
Leutnant bei Königin-Dragoner.«

Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein und heiter, aber indem es in das reine Blau des Aethers hineinsah und sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte, ihr stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern.


Geheime Liebe.

Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die erste; es gehen so zwei Menschen nebeneinander hin, still vergnügt, still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie gehen nebeneinander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen und denken an das, was ihr Herz erfüllt, sie wagen es nicht auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen, denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst Wörterbuch und Formlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten, aber noch hatte der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine Gelegenheit gegeben, sich zu erklären.