»Ja, das wollte ich,« fuhr jener fort, »aber eine Art von Wahnsinn nennen Sie das; ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen, wie er dazu kam.«
Emils Kummer.
»Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten mir immer Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade zog, wenn die Trompeter an unserm Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre Fähnlein senkten, und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester herauflächelte wie verklärt, und seinen Tigerschimmel dazu tanzen ließ.
Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau Gräfin Exzellenz, ein schöner schmucker Italiener mit braunroten Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe. Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen, aber ehe man sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb, denn er sagte, es gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein, denn wie sich nachher zeigte, er war zum Sterben verliebt in des Grafen Schwester, die junge Gräfin Kreszenz. Im Hause hatte ihn jedermann lieb, absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm nur an den Augen absehen konnte.
Das ging nun lange Zeit gut: kein Mensch merkte, daß Herr Baron Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte Graf Emil seine Hand und fragte: ›Wo hast du den Ring her?‹ Er aber sagte lächelnd und ganz gelassen: ›Von deiner Schwester.‹ Nun wußte ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: ›Ich habe nichts dagegen, nur sei ihr treu.‹ Es verging wieder ungefähr ein Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich, zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder hin. Ich fragte, was ihm wäre, aber er gab mir gar keine Antwort, was er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein Kaffeehaus gekommen, da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die den Grafen Martiniz nahe angingen, er sei daher gekommen, um ihm freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von Madame Trizka entlehnt habe, die ihn von einem Italiener, seinem Vetter, zum Präsent bekommen zu haben behaupte.
Madame Trizka aber war die berüchtigtste Courtisane der Stadt und um Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten, einfachen Ja, das meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter so bald als möglich aus der Welt zu schaffen.
In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht gestreift. Er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen, aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm, aber er lag ohne Besinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung.
Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ. Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm, am Ende gegen zwölf Uhr hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener seine greulichen, dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und sah sich im Zimmer um.
Uns alle wandelte ein Grauen an, denn man konnte glauben, er sei schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah er meinen Herrn, wütend riß er seine blutigen Binden von der durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. ›Maledetto diabolo!‹ brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.