Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr, sie wollte lächeln, aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch mußten die Blößen benutzt werden, der Zweck heiliget die Mittel, dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten; er ergriff also sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es Ida hören konnte, ins Ohr: »Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie seien unglücklich, und doch nicht helfen kann.« Mit schnellen Schritten witschte er aus dem Zimmer, es war ihm zumut wie einem, der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. »Der Würfel liegt,« sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, »er liegt, zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungrad!«


Entdeckung.

Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Oelgötzen; keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, als steche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedeheiß zumut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede und ein Rheinstrom von rotglühendem flüssigem Eisen durch alle ihre Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit weinen, ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen –

Und Martiniz – was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet und ihr dabei die Schleppe von der drap d'argentnen Hofrobe abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er hatte – doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblick helfen, daß er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die ihm in seinen Träumen allnächtlich erschien und ihn zum Gott machte, sie hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt!

Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham auf dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund, tiefer herab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser Brust ansah – er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt, die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen, niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle Amorettenköpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem süßen Wesen. – Er hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den seidenen Wimpern, er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund darauf, sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.

»Können Sie zürnen, mein Fräulein,« hub er an, »daß ich zu so ungelegener Zeit« – er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten; – keine Antwort.

»Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich hätte mir gewiß nicht die Freiheit« – noch keine Antwort.

»Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel früher als andere, möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls vergelten, die mir so unendlich wohltun« – keine Antwort, nur Perlchen um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern.