Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist mir erstorben; ein rastloser Flüchtling eile ich über die Erde hin, verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete, ich fliehe und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die der Frühling aus meiner Asche keimen läßt.« –

Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten Martiniz erhoben und war davongeeilt. Er war von seiner eigenen Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida, das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber ruhiger zu werden, sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge etwas so schwärmerisch Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über einen großen Entschluß nach.

So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe hineinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte. – Doch da war er ja der Mann dazu, auch die vereiteltsten Verhältnisse wieder zu entwirren. »Haben sie sich auch wie ungeschickte Hauderer ein wenig verfahren,« dachte er, »der alte Berner weiß sie schon wieder ins rechte Gleis zu bringen.« Als er aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen – da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf, eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust zusammen. – »Sicher einen dummen Streich gemacht,« brummte er vor sich hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl und warm wurde, als hätte er den besten Extrait d'Absynthe vor den Magen geschlagen. – »Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, mein Kindchen?« fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte, kluge Aeuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte. Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine doch etwas gar zu indiskrete Aeußerung sehr außer Kontenance gekommen, daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne, denn der Graf habe ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden. Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkt, wo er sie haben wollte. Jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. Sie können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle Wagestück von vorhin eingegeben. Sie müssen ihn überzeugen, daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu fürchten. Aber bedenken Sie nur alle anderen Unannehmlichkeiten, die ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich der Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder Kardinal, und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er habe ein Glockenspiel im Magen, und – hast ihn gesehen – schleicht er sich sans adieu fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin kann ich es, ob ich gleich die heiligsten fürchterlichsten Eide dazu schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. ›Ich weiß das besser,‹ sagt sie immer; ›im Dunkeln ist gut munkeln – das mache mir ein anderer weis.‹ Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll. Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft, ganz weit hinüberrückt, um noch einem zweiten Platz zu m–«

»Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?« unterbrach ihn das Fräulein eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über errötend, eines hinter das Ohr versetzte, die Knie zusammenkniff, schelmisch lächelte und innerlich beinahe platzte. »Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach, und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei seinem Leisten.«

»Leider, Gott erbarm's!« seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner mit komischem Pathos, »leider heißt es bei mir: ne ultra crepidam;[1] ich darf nichts sehen als die hübschen Füßchen, und höchstens, aller – allerhöchstens Jahrs einmal ein hübsches Wäd–; doch um wieder auf Martiniz zu kommen – ich habe hin und her gedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des Gespensterglaubens an ihn hinpredigen, solange wir wollen, er gibt uns recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom. Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie verschwindet.« Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich aufdringen heiße. Was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes – aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne, sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse, denn in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die Kirche führen: »Und landfremd,« fuhr er mit schalkhaftem Lächeln fort, »landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich möchte hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen, sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann?« – Es ist etwas im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für solche großen Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest entschlossen: »Ich will es tun, denn ich fühle es: der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme

[1] Nicht über den Leist hinaus.


Die Heilung.

Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus ein Paar dunkle Gestalten traten; die eine größere war in einen dicken Ueberrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, die andere kleinere hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien, denn die Person, die ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche.

Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu werden und folgte, doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor, als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen hervorgucken zu sehen.