»Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen.«
»Ist gar nicht nötig,« replizierte Sorben, indem er seine Karte immer hübscher mischte, »nicht nötig. Wie wäre es, ja, das wäre am Ende das beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf einmal ein Ende machten?«
Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. »Wahrhaftig, es wäre so übel nicht,« antwortete sie sinnend; »der alte Präsident, wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein. Erst vor einem Jahre hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß, Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der Einfall ist göttlich, und ich bin fast entschlossen, ihn auszuführen.« Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.
Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter einer Bedingung, nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach Freilingen war es drei Tagereisen, wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiterspielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte. – Und dann, er kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er, er mußte es sich zu seiner Schande gestehen, bis zum Tollwerden verliebt war, und die ihm nicht einmal ein Küßchen – nein, es war zu unverschämt. Bei andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wußte es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu räch– es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß ihr die Haut schaudern sollte.
Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit den gräflich Aarsteinischen Wappen zum Tore hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem Jockei hinterdrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus, küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum goldenen Mond einquartierte.
Trübe Augen.
Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen steigen sah: »Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!« seufzte sie, indem sie einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um den erlauchten Gast zu empfangen. »Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib in mein Leben greift!«
Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zumut sein, wenn sie die Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben entgegengehen.
Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten Freunden begegnete. Auch war sie die Ueberraschte und die Gräfin die Ueberraschende, daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin, die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln.