Die Zofen flochten dem schönen Märchen das lange Haar; sie banden ihr goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.

Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete sie mit Wohlgefallen und schloß sie in ihre Arme: »Gehe hin,« sprach sie zu der Kleinen; »mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht daß spätere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.«

Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg herab auf die Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter hausten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.

»Halt!« rief eine tiefe rauhe Stimme. »Wache heraus! Da kommt ein neuer Almanach!«

Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn: »Nur auch den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach,« schrie er, »daß man ihm in den Augen ansieht, ob er was Rechtes ist oder nicht.« –

Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das dunkle Auge auf.

»Das Märchen!« riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals. »Das Märchen! Haben Wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen Rock?«

»Die Mutter hat ihn mir angezogen,« antwortete Märchen.

»So? Sie will dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, daß du fortkommst!« riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen Federn!

»Aber ich will ja nur zu den Kindern,« bat Märchen; »dies könnt ihr mir ja doch erlauben?«