Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D. M., der nur vorläufig nach Amerika herübergekommen war, um sich das Land, behufs einer etwaigen späteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem, was er bis da gesehen, nicht sehr befriedigt; das paßte alles nicht recht zu seinen deutschen Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein wehmüthiger und schwerlich dürfte ich ihn noch einmal wiedersehen.
Die schönen landschaftlichen Vorwürfe wurden nun fleißig ausgebeutet und nach zehntägigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen höchst schätzenswerthen Motiven bereichert.
Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des großen Hotels, ein großer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern Formats für recht anständigen Preis, und überdies noch einen Cyclus von Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der Trentonfälle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermögen kaum über einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch ein eifriger Beförderer der schönen Künste und besitzt eine, für seine Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemälden, größtentheils von Künstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den gewöhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars täglich, für Künstler auf die Hälfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzüglichen Bewirthung eine sehr mäßige Bezahlung ist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns selbst nach Utika zurückzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges Wiedersehen von ihm schieden.
Und weiter ging es per Dampf, über Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges zwanzig Glocken, in den Händen von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen Hotels, einen wahren Heidenlärm erhoben, um allen Ankommenden recht eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach Oswego hin, oft durch Wälder und ödes Sumpfland. Die Gegend sieht hier fiebrig und unheimlich aus, so daß man kaum zu athmen wagt.
In Oswego, einer Stadt von nahe an fünftausend Einwohnern, bestiegen wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir über die blaue Wasserfläche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an, noch ein kurzes Stück Eisenbahn, und zwar das erbärmlichste, das je von Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo:
»schäumendes Gewässer mit Donnergebrüll hinabstürzt in die grausige Tiefe!«
Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch muß ich gestehen, daß das großartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das größte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmälig begann, einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je länger ich davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann. Die ganze Länge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die senkrechte Höhe, nach dem Augenmaß beurtheilt, vielleicht ein Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brücke führt. Der Niagara selbst ist von brillantem Smaragdgrün und bis weit unterhalb des Falles vom Schaume milchig gefärbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen und Uebergänge gewährt; auf beiden Seiten begränzen den Fall hundertachtzig bis zweihundert Fuß hohe Felswände. Alle diese Formationen (Flötzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewässers und bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall die Merkmale seiner Zerstörungswuth zurückgelassen. Man hat nach Wahrscheinlichkeitsgründen berechnet, daß der Fall dreißigtausend Jahre gebraucht habe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei aller möglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas problematisch, ohngefähr so wie die Berechnung der Entfernung mancher Fixsterne. Da heißt es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil beweisen! Das ganze Ufer zunächst des Flusses ist bedeckt mit herabgestürzten Felstrümmern, deren eben so viele in den Fluthen begraben sein mögen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa vier Wochen vor unserer Ankunft glücklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte, wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glücklich zu Stande gekommen sei; ich möchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung fehlgeschossen haben mag? – Die Ufer des Niagara waren in den Jahren 1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Engländern, und in einer Schlacht ohnweit der Fälle sollen an viertausend Todte geblieben sein.
Amerika ist das Land der Industrie und Speculation, Niagara das Land der fünfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents, – Du gehst zwei Meilen unterhalb der Fälle über die Hängebrücke, kostet 25 Cents, – Du läßt Dich in einem kleinen Boote über den Fluß setzen, kostet 25 Cents, – Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25 Cents u. s. w.
Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei Dollars täglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als möglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als möglich, und zwar um so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unerträglichen Neugierde des reisenden Publikums zu leiden hatten.
Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes Pferd, welches sich, oberhalb der Fälle von Hunden gehetzt, in den Fluß retirirt haben mochte, den Fall hinunterstürzen zu sehen. Weiter unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich, von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Fluß hinabgetrieben worden war, hängt inmitten des Falles, von einem emporragenden Felsen aufgehalten, auf dem Rand des Sturzes, von brausenden Gewässern umtobt; das Treibeis des nächsten Winters wird es wohl noch vollends zertrümmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefühl des Bangens da hängen sehen und empfindet unwillkürlich eine Art von Mitleid mit dem armen Ding.