Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte, eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.
Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel. Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk obzuliegen.
Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück, schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.
Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical aufzehrten, wobei ich indeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande bedeutend schwächer sind, als in Europa.
Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird. Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen. Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten, Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine Freude daran gehabt hätte.
Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse, Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.
An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen durchweicht hatte, folglich höchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte, denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder. Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörte ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die Knie in den morastigen Boden.
Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.
Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler. Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten, als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse, Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich gegangen war.
Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.