Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das ›Have‹ des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen herausfordern und wollte – das drängte sich fast noch gewaltsamer in ihm auf – ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe –
So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«
Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn und sagte: »Du –.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«
Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«
Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: »Ja – doch, ich habe sie nicht für mich – du sprachst gestern – und auch heut' Nacht sagte mir's Jemand – man gäbe sie im Frühling –«
Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so – ja, ich erinnere mich – Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig verbessert.«
Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer Zeit – das macht mich sehr glücklich –«
»Warum macht dich das glücklich?«
Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist schön, lebendig zu sein – mir ist dies früher nie so – ich wollte dich noch fragen –«
Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«