In der Umgegend von Marburg kommen, obschon der Boden aus Buntsandstein besteht, noch Helix arbustorum, fruticum und hortensis, sowie Planorbis marginatus vor, ob einheimisch oder vor Zeiten einmal angesiedelt, ist jetzt nicht mehr zu entscheiden.
Das Dillthal, dem oberen Lahnthal parallel laufend, aber etwas tiefer liegend und kalkreicher, ist auch an Mollusken reicher, aber seine Fauna ist noch immer eine Gebirgsfauna: die Xerophilen, Limnaea stagnalis, palustris, Planorbis corneus, beide Physa und Paludina vivipara fehlen auch hier. Erst im Lahnthal unterhalb Weilburg treten Hel. ericetorum, Bul. detritus, Limnaea stagnalis und Unio pictorum auf und bilden den Uebergang zu der Ebenenfauna.
Der Taunus in seinem grössten Theile beherbergt fast nur Nacktschnecken; in den Bächen finden sich Unio batavus und eine kleine Form von Anodonta piscinalis, dann Limnaea peregra und Ancylus fluviatilis, im Moos längs ihrer Ufer die gewöhnlichen Hyalinen. Nur in der Nähe der menschlichen Wohnungen und ganz besonders an den Ruinen ändert sich das Verhältniss: Vitrina pellucida, Draparnaldi, diaphana, elongata, Helix obvoluta, hortensis, incarnata, nemoralis, pomatia, Bulimus montanus, Pupa doliolum, Clausilia biplicata, plicata, plicatula, dubia, nigricans, parvula, laminata treten auf, mitunter in colossalen Mengen, wie auf der Ruine Hattstein, wo ausser den genannten auch noch Helix rufescens und Clausilia lineolata vorkommen. Im Rheinthale finden sich ausserdem noch an einzelnen Puncten die beiden Daudebardia, Helix personata und Cyclostoma elegans.
Ein ganz anderes Bild bietet die Ebenenfauna, aber sie ist nicht an allen Puncten gleich entwickelt. Am gleichmässigsten natürlich ist die Fauna der Wasserconchylien, aber auch hier sind die kalkhaltigen Gegenden reicher, als die mit kalkarmem Alluvialboden. Betrachten wir zunächst die Fauna des Mains selber. Der Main durchfliesst die ganze Ebene mit ziemlich starkem Gefäll und raschem Lauf; seine Ufer sind durchschnittlich hoch, nur in der Nähe seiner Mündung sind am linken Ufer Dämme nöthig. Durch Strombauten, Dämme und Buhnen sind zahlreiche geeignete Wohnplätze für Muscheln und Schnecken geschaffen. Ich habe folgende Arten darin gesammelt: Limnaea auricularia var. ampla, ovata var. obtusa, stagnalis, Physa fontinalis, Planorbis corneus, albus, contortus, Ancylus fluviatilis, lacustris, Bithynia tentaculata, Valvata piscinalis, cristata, Neritina fluviatilis, Unio pictorum, tumidus und batavus, Anodonta piscinalis, cygnea, Cyclas rivicola, cornea, solida, Pisidium obtusale, Tichogonia Chemnitzii. Manche davon, namentlich die Muscheln, finden sich in ungeheuren Massen, so dass der Grund an manchen Stellen förmlich damit gepflastert ist.
In die Nebenflüsse und deren Seitenbäche dringt diese Fauna nun sehr lückenhaft ein; Unio pictorum und tumidus, Cyclas solida, rivicola und Neritina fluviatilis verschwinden zuerst. Eine genaue Untersuchung dieser Verhältnisse, zu der das jäh emporsteigende Gebirge lockt, ist noch zu machen; leider hat es bis jetzt meine Zeit noch nicht erlaubt, genauere Nachforschungen anzustellen.
An vielen Puncten der Ebene, z. B. um Schwanheim, sind die Wassergräben kaum bewohnt; am verbreitetsten darin ist noch Plan. contortus, dann Limnaea fusca und elongata, welch letztere sich seltsamer Weise auf das linke Mainufer beschränkt, und Physa hypnorum. Planorbis corneus nur an einer Stelle vorkommend, ist cariös. Mooriges Wasser und kalkarmer Boden mögen die Ursache sein. Ganz anders ist es im Lössboden, z. B. in der Umgebung von Sossenheim auf dem rechten Mainufer, in den Sümpfen der Riedgegend und in den Rheinsümpfen bei Mombach. In unzähligen Exemplaren, oft von riesenhafter Grösse, finden sich dort fast alle unsre Wasserschnecken, Hydrobia Dunkeri und Pisidium pusillum etwa ausgenommen.
Viel weniger gleichmässig sind die Landschnecken vertheilt. Gehen wir auch hier vom Maine aus. Dicht am Ufer halb noch im Wasser, finden wir eine kleine Nacktschnecke, Limax brunneus, Succinea putris, Pfeifferi, besonders vom Juli ab, und Hyalina nitida. Weiter ab, aber noch im jährlichen Ueberschwemmungsgebiet, wird die Fauna reicher. Hyalina subterranea, nitidosa, fulva, Helix pygmaea, pulchella, costata, hispida, depilata, sericea, Cionella lubrica, Carychium minimum, Succinea oblonga gesellen sich dazu, an günstigen Puncten auch Hel. fruticum, arbustorum, hortensis, nemoralis, ericetorum, die wohl aus dem Spessart eingewanderte Vitrina diaphana und an der oberen Gränze des Ueberschwemmungsgebietes Pupa muscorum.
Vergleichen wir damit die Schnecken, welche wir im Geniste des Mains finden. Dasselbe ist sehr reich daran, namentlich das von den Winterfluthen angeschwemmte; das der Sommer- und Herbstfluthen enthält weniger Land- aber mehr Wasserschnecken. Die Ursache dieser Verschiedenheit suche ich darin, dass die Winterfluth die zahlreichen in den Winterquartieren zu Grund gegangenen Schnecken mitbringt, die noch an das Geniste ihrer früheren Wohnplätze angefroren und darum leichter zu transportiren sind. Folgende Arten wurden darin beobachtet: Vitrina pellucida, Hyalina cellaria, nitidosa, nitida, crystallina (subterranea), fulva, Helix pygmaea, rupestris (Speyer), rotundata, costata, pulchella, hispida, depilata, sericea, fruticum, strigella, bidens (nur in einigen Exemplaren bei Mühlheim), arbustorum, ericetorum, nemoralis, hortensis, pomatia, Buliminus tridens, detritus, obscurus, Cionella lubrica, acicula, Pupa frumentum, muscorum, pygmaea, septemdentata, minutissima, Venetzii, pusilla, Clausilia biplicata, Carychium minimum, Succinea putris, Pfeifferi, oblonga; Limnaea ampla, Planorbis corneus, albus, Bithynia tentaculata, Valvata cristata, piscinalis, Cyclas rivicola.
Zusammen also 47 Arten, aber davon finden sich nur die durch gesperrten Druck ausgezeichneten regelmässig in grösseren Quantitäten. Dieses Verhältniss ist wichtiger, als es scheint. Wir haben im unteren Mainthal eine ganze Anzahl Ablagerungen, die, aus ähnlichen Anschwemmungen entstanden, eine Menge Land- und Süsswasserschnecken enthalten und bis in die älteste Tertiärzeit zurückreichen. Natürlich können sie, lückenhaft wie sie sind, nicht ohne Weiteres ein Bild der damaligen Binnenconchylienfauna geben, aber wenn wir die jetzigen Anschwemmungen in quantitativer und qualitativer Beziehung sorgfältig mit der gesammten Fauna des Mainthals vergleichen, so erhalten wir einen Anhaltspunct, von welchem aus wir Schlüsse auf die diluviale und tertiäre Zeit machen können. Vielleicht wird es dann möglich sein, auf die Alluvialthone der Mainebene, die diluvialen Löss- und Sandablagerungen an ihren Rändern, die tertiären Kalke von Budenheim und Flörsheim gestützt ein Bild der geschichtlichen Entwicklung unserer Fauna in Darwinschem Sinne zu geben. Dass in dieser Periode eine ununterbrochene Entwicklung stattgefunden, beweisen einzelne Arten, die sich schon in der Tertiärzeit finden, wie Hel. costata und die mit den heutigen trotz der eigenen Namen vollständig identischen Limnäen.
Entfernen wir uns von dem Ueberschwemmungsgebiete des Mains, so finden wir die Ackerfelder zu beiden Seiten meistens absolut schneckenleer, so weit sie aus Alluvialboden bestehen. Auch der Sandstrich, der als Rest alter Dünen von der Gegend von Rödelheim ab sich durch die Gemarkungen von Griesheim und Schwanheim quer durchs Mainthal bis in die Nähe des Ortes Kelsterbach erstreckt, ist absolut schneckenleer. Ganz dasselbe gilt von der kiesigen Schwelle, die, früher eine Kiesbank, dann eine Landzunge zwischen den Mündungen von Neckar und Main, Rhein- und Mainebene von einander trennt. Obschon fast in ihrer ganzen Ausdehnung mit Laubwald bedeckt, der sich ununterbrochen vom Odenwald bis gegen Rüsselsheim hinzieht, lässt sie doch selbst bei der sorgfältigsten Nachforschung kaum hier und da einmal eine versprengte Hel. pomatia, nemoralis oder incarnata entdecken. Nur längs der den Wald durchschneidenden Landstrassen, und nur soweit dieselben mit Kalksteinen gedeckt werden, finden sich Hel. pomatia und nemoralis, sowie Pupa muscorum. Wo Basalt an die Stelle des Kalkes tritt und zu beiden Seiten jenseits der Zone, die der Kalkstaub erreichen kann, ist die Schneckenfauna verschwunden. Wir haben also auch hier den Beweis, dass die Schnecken ohne grosse Bodenfeuchtigkeit existiren können und sich gerne mit Thau und Regen begnügen, wenn sie nur Kalk zum Bau ihrer Gehäuse finden.