„Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tu’s nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke. Frag nur Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es auch tun; aber bei dem dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor da probiere es mir nur noch ein einziges Mal und du sollst sehen, was du erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen Robinson und deine Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.“

„Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiß?“ heulte ich, während Irene lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.

„Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muß es wissen, was er alles weiß! O, der weiß für uns beide noch lange genug!“

So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wußte, auch wenig genug, und was das Schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch tief unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls für uns sehr von Nutzen, daß die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten, hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der größeren Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses „getan“; und wir kamen von da an nur in den Ferien nach Hause, das heißt zurück nach Schloß Werden, in das Försterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.

Die beiden Mädchen! Als wir zum ersten Mal abzogen, sagte Irene:

„Ihr habt es gut.“

Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:

„Weißt du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten. Na, was mich angeht, so ist die Hauptsache, daß ich endlich einmal aus dem dummen Dachsbau herauskomme. So’n langweiliges Volk als euch findet man ja immer, und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.“

„Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten,“ rief Irene. „Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du — dummer Junge. Laß sie stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie auf morgen, wo wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen Tag gefreut. Schafskopf!… Herr Gott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs, mademoiselle Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“

Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der Tat das Wort „Schafskopf“ noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die falsche, nämlich an mich, und sagte nichts weiter als: