„Sie können einen verrückt machen mit ihrer klassisch großartigen Süffisance,“ sagte Meister Ewald und meinte hauptsächlich die Komtesse Irene. „Ho, ich glaube wahrhaftig, man muß sie erst geheiratet haben, um ganz genau zu erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!“
Großartige Selbstgenügsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir nicht vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich dann und wann ihr Betragen für höchst sonderbar und sie für ein merkwürdig unberechenbares Frauenzimmer erklärte. Daß man ein „Frauenzimmer“ heiraten könne, war mir in dem Kreise meiner Vorstellungen als etwas Mögliches und vielleicht auch zu Erstrebendes noch nicht deutlich und faßlich. Die geniale Äußerung Ewalds in dieser Beziehung überhörte ich zuerst ganz, dachte dann am nächsten Tage zufällig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht als eine kolossale Frechheit und als — etwas ungemein Interessantes fest ins Gedächtnis.
Gewachsen sind unsere Nußbüsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und überschatten einen weiteren Kreis. Unsere alten Kindernester hängen noch in diesen Zweigen; aber es sind ausflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht mehr zu ihnen empor, und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch in einem Wipfel das Gedächtnis früherer seliger fauler Stunden in seinem Busen wach und läßt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die Köpfe niederbaumeln; denn unser Lieblingsplatz sind die Bänke in diesem lieblichen Schatten doch geblieben, trotzdem daß wir so sehr erwachsen und verständig und anständig geworden sind.
Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle alten fröhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem „großen Nußbaum“ aus den Unserigen durch; der einzige Unterschied ist, daß die Mädchen (auch Irene) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben, und daß wir es zu Hause mitteilen, daß wir „ausgehen“, und uns die Erlaubnis nicht ohne weiteres selbst nehmen. Früher freilich ließen wir alle unsere Sorge den lieben Angehörigen, heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die lustigsten, mit uns.
Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses Kapitels beim süßen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat zurückkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im Kalender. Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem Steinhofe; aber nicht nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe: auch wenn man zweimal dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den Dingen gab, bleiben wohl, und die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber flüchtig sind des Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie gestern, ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen tausendmal den nämlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; —
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweiten Mal.
Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wäldern wachzurufen, haben wir noch nicht verlernt — Ewald und ich nämlich.
„Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!“
„Holla, holla, hier!“ klingt es zurück, und der Vetter, nunmehr fünfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett und äußerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, über seinen Hof uns entgegen, nach dem Hause zurückrufend: