Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von Schloß Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenweg vom Schlage gerührt, gelähmt und bewußtlos aufgefunden worden. Als der Bote sich aufs Pferd warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand schlimm mit ihm, und — „die Frau Langreuter wäre am liebsten selber gekommen, um die gnädige Komtesse nach Haus zu holen,“ sagte der Bote. „Was ich sonst vernommen habe, ist, daß kurz vor dem Unglück ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war.“

Das war ein jäher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden muß.

Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben, und er lautete:

„Paß auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und seit heute morgen ist es sicher, daß er, wenn er es irgend möglich machen kann, fürs erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das Aufsehen hier sehen; aber natürlich hat’s jetzt jeder längst vorausgewußt. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere Frage ist’s, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weißt, er hatte einen sicheren Schuß, das muß man ihm lassen; aber daß er auch zu anderen Dingen als bloß zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt mehr als einer, der manchmal nach euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat, z. B. ich. Kannst du ihm ruhig nachsehen, so ist’s mir sehr lieb, und ich bitte dich, gib baldigst Nachricht, daß ich aus der Sorge komme. Hast du da Dreck am Stecken, so bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier sind Dutzende, die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen, und darunter am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brüderschaft gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar nichts sagen; meine feste Überzeugung ist, daß der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird, wenn es jeder von euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er unter euch gewirtschaftet hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter, wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst, und ich kann nur wünschen, daß Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige Liebhabereien zum ersten Mal was genützt und zu dem richtigen Mißtrauen in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben. Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben; denn daß es mir recht käme, wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswürdigen Spitzbuben und Durchgänger ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergnügten Stunden daselbst nicht meinen,“ usw.

Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, ließ die Hände matt und flach auf die Knie fallen und stöhnte:

„Kinder, das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde auf dem Steinhofe gewesen. O Fräulein Irene — sehen Sie nicht so stier hin! vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten, ehe er für immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme, alte, liebe Jule, ich wollte gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen, wenn ich dir dieses erspart hätte. Ja, ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt, und er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika!“

Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinekrampf in den Lachkrampf —

„O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!“

Was wir anderen sagten, läßt sich nicht genau durch Wort und Schrift ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den heißen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weiße schwere Wolken wälzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, über die Berge empor und in das lichte Blaue hinein; Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust; Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner Arbeit ab. Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.

„Ich weiß es wohl, daß es da nicht gut steht,“ flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete. „Ja, ja, junger Herr, es fließt alles hin wie das da!“ und er deutete auf seinen Fluß.