Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.

So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen: auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Worte: je ne lis plus, je relis seulement! darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen.

Mein „Zu Hause“ bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.

Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äußerst gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus; nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben — eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.

Die anderen!… Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund, dumm und glücklich waren?

Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrig bleibt, wenn sich eine Wand, eine Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.

Ich habe Jahre lang nur gewußt, daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch Haus halte, daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt. Ich erlebte es noch als Student, daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte.

Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.

Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein Gerücht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte. Ich hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen, — und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen höchst natürlich.

Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, daß die Tage, an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter mir lagen.