Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.
„Deine gute Mutter ist auch gestorben,“ sagte die Jugendfreundin. „Ich habe mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weißt du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz — du mußt nicht gleich wieder fortgehen; — aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben, — mein — Mann ist tot — nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!“
Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als könne sie sich nimmer wieder beruhigen.
„Das ist gut; lassen Sie sie so!“ murmelte Mademoiselle Martin, ihr Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.
„Vetter Ju! — weh, weh!“ winselte das Kind.
„Herz, mein Herz,“ rief Irene. „Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und wir bleiben alle bei dir — o großer Gott!“
„So weh, weh!… auf Arm, Vetter Ju!“ klagte das Kind von neuem und bat mit herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!
Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein „glücklicher“ Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein und — gottlob! — ich auch!
Achtzehntes Kapitel.
Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, daß wir damals im März des laufenden Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.