„Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus,“ sprach der Stadtrat, halb über die Schulter zurück sich wendend, ins Coupé hinein. „Da gehen wir ab und bleiben fürs erste wenigstens als Provinzgenossen unter uns. So.“
Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit und behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft aussehenden Sacktuch und sagte:
„Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode. Habe hier in dem ungemütlichen Großnest die letzten Wochen hindurch meine alljährliche, von verschiedenen Leuten sogenannte Auffrischungskur glücklich abgemacht; — Sie kennen das ja, Langreuter; — sehne mich unendlich nach meinem Schlafrock und meinen Pantoffeln und — Sie habe ich auf der Stelle wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer erklecklichen Reihe von Jahren nicht das Vergnügen hatte, Sie zu sehen. Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt, junger Mann?“
Der „junge Mann“ gab willig in der Kürze die gewünschte Auskunft, und der Finkenrodener Stadtrat sagte:
Mir, der ich ihn, abgesehen von allem übrigen, auch aus der Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewöhnlichen Reisetumult und Gedränge in unserem Wagen ziemlich ungestört blieben, hinderte uns nichts oder doch nur wenig, so vertrauensvoll und mitteilsam gegeneinander zu sein, als das unter verständigen oder verständig gewordenen Leuten nur irgend der Fall sein kann. Was den Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen vollständig ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen Engländer in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch jetzt derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in irgendeiner Beziehung vor den Mund nahm, so daß dies mir, wenigstens im Anfang, dem uns doch ziemlich fremden Stadtrat gegenüber ein wenig peinlich war. Alle seine und unsere Geschichten kramte er mit einer Unbefangenheit aus, die ganz und gar Schloß und Dorf Werden, Bodenwerder und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem Sumpfe der Alltäglichkeit die Perle des Interesses für seine Zuhörer herausfischt, so ging dieser irländische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer Reise, auf den Fang aus im Bereiche der größten Trivialität unserer Jugenderlebnisse, und die Fragen: Weißt du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch, Langreuter? Alter Kerl, das kannst du doch unmöglich vergessen haben? — schienen nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebärdete er sich durchaus nicht bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhin kann zu bemerken, von dem Finkenrodener städtischen Würdenträger und früheren lyrischen Subredakteur des freilich auch schon ziemlich lange selig in allen seinen Sünden entschlafenen „Chamäleons“ nach dieser Richtung hin nicht im mindesten entmutigt, sondern im Gegenteil: der Verfasser der „Heiratsgedanken“, der Dichter der „frommen Liebeslieder“ gab nur da zum ersten Mal seine abweichende Ansicht durch ein asthmatisch Gegrunze zu erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei abgeschmackten Schnurren mit einem Seufzer sagte:
„Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier immer doch mit einem merkwürdigen Gemisch von Gefühlen; und Rührung und Beängstigung sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bösenberg, haben ja aber auch einmal Ähnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht, darüber geschrieben und das Geschriebene sogar drucken lassen.“
Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefähr wie: „Whu!“ klang. Dann brummte er:
„Jawohl. Das Vergnügen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich danke Ihnen für die gütige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir freilich so, als ob ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in der anderen Ecke jetzt zum zweiten Mal erlebe; aber Gott sei gelobt und gepriesen! zu schreiben brauche ich heute nicht mehr darüber! also — erzählen Sie nur ruhig weiter von sich und dem Herrn Vetter Everstein und dem Herrn Doktor da; — von Schloß Werden, dem Försterhause und dem Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl schon dazu. Ja, ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten Ostermarkt gehört, daß Frau von Rehlen, die frühere Komtesse Everstein, nunmehr ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat. Fräulein Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl, pflegt den alten guten Papa und verkehrt dann und wann recht freundschaftlich mit meiner alten Freundin, Frau Sidonie Mietze in Bodenwerder. Sie wissen doch, daß der Spiritusfabrikant schon vor fünfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von Münchhausen übersiedelte?“
Ich wußte das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig interessierte; aber seltsamerweise wußte es der Ingenieur und interessierte sich auch sehr dafür. Seine Kenntnis der heimischen Zustände war in der Tat überraschend, und, was mir als das Auffallendste erschien, nichts von allem hatte sich ihm irgendwie ins Phantastische gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war und im Jahre Achtzehnhundertachtundfünfzig bei dem heutigen alten, fett und Stadtrat gewordenen Junggesellen Dr. Max Bösenberg.