„Lache mich nicht aus, Fritz,“ murmelte der Irländer, „ich wollte, wir wären erst acht Tage älter! Du kannst da gleichmütig genug sitzen und die liebe Gegend näher kommen sehen; aber ich — och faix, woran es eigentlich liegt, kann ich nicht sagen; aber ich versichere dich, ich fange allmählich an, Angst zu kriegen wie ein Schuljunge, der erst die Schule geschwänzt hat und dann noch zu spät zum Essen kommt. Ich wollte, by Jove, wir hätten noch den Stadtrat bei uns, ich fange an, einzusehen, daß er noch etwas mehr war als eine bloße Reisezerstreuung. An diese Stimmung habe ich, weiß Gott, in der Fremde nicht gedacht, und ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus der Seele fern gehalten hätte! Fritz, ich weiß nicht, wie’s zugeht, aber ich gäbe jetzt viel für einen tüchtigen Landregen mit obligatem Verkriechen in der Kajüte. Das Wetter ist mir heute zu schön und die alten Berge dort in der Ferne viel zu blau!… Da ist der Pastor von Dölme! und da der Kirchturm von Pegestorff! — der Werder hier im Fluß war vor fünfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter, Langreuter, der Pastor von Dölme! er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie — zu unserer Zeit; was ich aber jetzt für ein Gesicht ziehe, das weiß ich nicht und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die Gegend wäre nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl der Alte geworden sein?… und die Eva? und — — — na ja, und ich habe es auch nicht gewußt bis jetzt, um wieviel ich selber älter geworden bin!… da sollte man sich doch wirklich in den grauesten Sumpf vom grünen Erin hineinwünschen bis an den Hals. O Fritz, Fritze, o — Fritz Langreuter, der Tag ist mir heute zu schön, und die Nachtfahrt und die angenehme Unterhaltung, das Frühstück des Stadtrats Bösenberg sind wahrhaftig nicht allein schuld daran. O, der Vetter Just vom Steinhofe! Du brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich wollte —“

Er brach ab, schüttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff des Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewünscht hätte. Nur mit Mühe gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch einmal wieder, als ich ihn fragte: „Sie wissen es doch wenigstens, daß du in diesen Tagen nach Hause zurückkehrst?“ und er mir die Antwort schuldig bleiben zu wollen schien.

„Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, daß du heute der Herr von Schloß Werden bist?!“ …

Alle alte Knabenkomik und Verschmitztheit verschwand aus den wirklich hübschen und doch zugleich mannhaften Zügen des Ingenieurs:

„Weiß Gott, da ist Rühle und sieht auch noch gerade so aus als damals, wo wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer Jugendstreich! meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren weiter erstreckt als die anderer Leute, und ich habe das nur bis in diese Stunde hinein nicht gewußt. Bis heute bin ich wie diese nette Gegend der nämliche geblieben, und nun kommt es mir auf einmal vor, als ob von heute an meine Buße darüber recht nachdrücklich ihren Anfang nehmen könne. O Fritz, ich glaube, daß ich trotzdem, daß ich Schloß Werden für — euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafür zu erwarten habe und — ganz mit Recht!… Ob sie zu Hause — ob — ob Irene — ob sie alle über alles genau Bescheid wissen, ist wohl gleichgültig. Ganz mit Recht werden sie verschnupft sein, und ich wollte jetzt, ich hätte etwas Besseres und anderes getan, als die alten Jugendwitze noch einmal und im vergrößerten Maßstabe zu wiederholen! Ja, und du hast es selbstverständlich sofort herausgerochen, alter Verstandesmensch! Es gehörte meiner Meinung nach in Belfast dazu, daß ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst über das Geschäft korrespondierte. Wieviel von der Affäre dessenungeachtet unter die Leute durchgesickert ist, kann ich natürlich nicht wissen, aber ich ahne jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten hin zu gesegnen. Och honey, wie sieht sich das alles von der Fremde aus so ganz anders an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrückten jungen Kerl aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der führte seinen Papa, um ihm eine Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster und sagte: ‚Sieh mal, lieber Vater, da habe ich dir einen Elefanten gekauft!‘ Och, Freddy, Freddy, das Gesicht des alten Baumwollenimporteurs Mr. Maloney senior paßt ganz und gar in meine dermalige gemütliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus nicht mehr darüber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen Angehörigen und — Irene — Everstein — eine — Freude zu machen! Was sollen sie auf dem Försterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie — wie wird — Irene Everstein darüber denken?“

Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lösung für diese nur dem alleräußersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter Rat, der vorher hätte gegeben werden müssen und dann sicherlich nicht angenommen worden wäre. So überließ ich es denn den kühlen Wassern, die uns trugen, und den kochenden, welche die Räder, Hebel und Schaufeln in Bewegung erhielten, uns der Lösung, das heißt der Heimat und den Gesichtern, die die Leute dort über uns machten, näher zu führen. An das Müheloseste wendet sich der Mensch auch in allen großen und kleinen Krisen seines Daseins am liebsten, also nicht bloß im Glück und auf der Fahrt durch die Sommertage des Lebens.

Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so sehr aus dem Gedächtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung des Flusses verflüchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns über die Augen gelegt hatten, mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden von Minute zu Minute deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es leider nicht darum in uns.

„Ich wollte, ich hieße von Münchhausen oder liefe schon gedruckt in der Welt herum wie der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode!“ brummte der jetzige Herr von Schloß Werden. „Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir nicht auf diesem verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wäre die Höhe, wenn ich daselbst zuerst auf meinen Rechtsmandatar stieße und an seiner Hand in das alte, brave Vaterhaus zurückzuwandeln hätte. Bei der nächsten Haltestelle steigen wir aus und schlagen uns zu Fuße über die Berge und durch den Wald. Uh, hätte ich mir doch dies heutige Einschleichen hinter den Büschen weg vor drei Jahren schon so deutlich ausgemalt wie jetzt, so wäre es mir sicherlich besser zumute. Säße das Mädchen — ich meine die gnädige Frau — o Gott, säße die Irene nicht bei dem Vetter Just — — — bei den unsterblichen Göttern, ich schliche mich zuerst zu dem Vetter Just Everstein und ließe ihn einen Boten mit der Meldung nach Werden schicken, daß — ich — wieder da — sei! Der Peter in der Fremde mit seinen Dachkammer- und Taubenschlaggefühlen ist in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler gegen mich! Deine Gefühle sind aber natürlich ja ganz andere, also geniere dich nur nicht meinetwegen, Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, grüße daselbst, nimm einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.

Ich ging auch.

Es war ein eigentümliches Gefühl, wieder den Kies des Flußufers unter den Füßen zu spüren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen unseren Weg rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor uns, ehe wir Schloß Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei ziemlich beschwerliche Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und wir redeten wenig miteinander auf dieser Wanderung.