„Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat, und die ich seit langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu diesem Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazu geben. Ist der Junge für das Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengeführt hat. Sie wissen nicht, wie hülflos ich in hundert Beziehungen bin.“
Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand, fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos. Außerdem aber, wie es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer Hände Arbeit.
„Was soll ich Ihrem Kinde geben können?“ fragte sie in heftiger Aufregung; aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr genau gewußt, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.
Wir, das heißt meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers nach Schloß Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das für seine Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich — ich, wenn ich in die Sonne sehen will, so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf, sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.
Viertes Kapitel.
Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere tief genug hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grün, Gold und Purpur schimmernden Märchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie und verwandeln mir auch den heutigen Tag in sein vollständiges Gegenteil. Daß ich ein poetisch Gemüt sei, das hat nachher wohl niemand von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin Einschlägige vorsichtig und fest für mich selber behalten), aber damals war doch manches Gedicht — echte Naturdichtung — in mir und um mich, und alles Heimweh — die Quelle aller Poesie —, das ich in leereren Tagen gefühlt habe, stammt aus dieser Zeit und geht dahin.
Wir grübeln viel, wir gebildeten, klug, d. h. dumm gewordenen Menschen, über den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt; ach, wenn er nur schön war, dieser Schein, wer möchte ihn missen wollen aus seinen Tagen? wer möchte nicht dumm, d. h. klug gewesen sein, wenn auch nur in den Tagen, da er noch jung war?!…
Ich bin natürlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schloß Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir ganz recht so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die Welt am siebenten Schöpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das Mindeste besser gefallen; das Behagen des einen wäre hier freilich ohne die Seligkeit des anderen gar nicht möglich gewesen!
„Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe,“ sagte Komtesse Irene Everstein. „Du kommst aus der weiten Welt, und ich bin hier immer bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird dich sonst durchprügeln, wenn Eva nicht dabei ist.“
Ich habe es erst später, als wir „in das Griechische kamen“, erfahren, daß der Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber Namen und Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit aufeinander. Es ginge so sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in dieser doch einmal auf das Rauhe gestellten Welt.