„In diesem Frühjahr hat sie einmal gerade so wie ich auf ihre Pensionierung angetragen,“ sagte der Vater Sixtus. „Es ist der Tausendkünstler da, der Vetter Just, der sich ihrer Altersschwäche erbarmt und sie in die Kur genommen hat. Nicht wahr, Just, es hat dich mehr als einen sauren Schweiß- und Angsttropfen gekostet, sie noch einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden Tag herübergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und daß er wiederum ein Meisterstück gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit eigenen Ohren vernommen.“

„Ich habe nichts lieber getan,“ meinte der Vetter leise und mit einem scheuen, zärtlichen Seitenblick auf Eva. „Es war ja meine eigene bittere Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe heimkam und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn alles übrige doch nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben müssen, wenn es sprechen soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar ein anderes, was in alles, was dir passiert von der Wiege an, mit hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas zu tun haben, der die Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn er vorher noch etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wäre ich nicht der Bauer vom Steinhofe, so möchte ich nur ein Uhrmacher sein; aber ein wandernder, der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein verschwiegener Mann — Sie wissen das, Herr Oberförster — aber wenn er den Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzählen, und es war immer ein Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne daß weder meine Mutter noch sonst irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon gehabt hatte.“

Der alte Förster kratzte sich lächelnd hinter dem Ohre:

„Und was haben wir getan, Just, während der Tage, wo du neulich den wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mädchen, wie haben wir beide hier auf der Försterei uns bei ebenso bewandten Umständen, will sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten, verhalten?“

Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir herüberschaue; über Evas liebes Gesicht flog es wie ein Erröten, doch verlegen wurde sie nicht. Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe unbefangen die Hand über den Tisch und sagte:

„Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt. Gehörte Just nicht so ganz und gar dazu, so möchte es ihm wohl manchmal recht langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Männer und Herren für eine halbe Stunde allein — da kommt der Bruder aus der weiten Welt nach Hause und sein — der Freund Fritz aus der Stadt Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst gestern abend uns hier gute Nacht gesagt hätten. Jetzt sorge ich fürs Abendbrot; aber ich lasse die Tür offen und horche auf alles — ich meine, ein Jahr wird nicht ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs Laufende zu bringen, einerlei ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.“

„Fürs erste gehe ich einmal mit in die Küche!“ rief der Besitzer von Schloß Werden aufspringend. „Endlich will ich doch mal wieder da die Funken im Schlot aufwirbeln sehen.“

Nach fünf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber ich blickte nur durch die Türspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten väterlichen Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf auf die Schulter gelehnt, und sie sahen stumm in die hüpfenden Funken des Heimatherdes. Als ich in die Stube zurückkam, sagte der Vater Sixtus:

„Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit brauchen, um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage nur den Vetter Just, der ist jetzt doch schon über ein Jahr aus seinem Amerika zurück; aber wir sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal ist es mein Wunder, wie viel das Mädchen aufs Tapet zu bringen hat, sobald er die Nase in die Tür steckt. Die Zwei kann man schon einen ganzen Sommertag beieinander sitzen lassen, ohne daß ihnen der Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden, nicht wahr, Just Everstein?“

Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich von jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben würde, und wundere mich doch nun gar nicht, daß ein so kurzes Kapitel daraus geworden ist.