„Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?“ wendete sich der Alte an seine Tochter.

„Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?“ fragte Eva. „Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar Spindler neulich bei uns vorsprach.“

„Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten wundern,“ brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der sich eben in das Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich bereits so früh bei seinem Tagewerk den Schweiß von der Stirn trocknend, wieder ein.

„Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.“

„Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber Freund,“ erwiderte ich lächelnd. „Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst, zu Hause anstellen zu können.“

Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen vermochte. Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf, schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände auf den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern, klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:

„So dumm — so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner Jugend mehr Prügel bekommen, so wär’s mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater. Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich — gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen zu unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche gute Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.“

„Was sich wohl schwer tun lassen möchte,“ meinte der Vater Sixtus aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. „Ja, ja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur ’rein, Gevatter Timme! ja, ’s ist richtig, hier sind die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist Herr von Schloß Werden, … soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wänden hin nach gutem Rat gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen; der Doktor ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg? Dem Pastor warten die Insel Irland und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf. Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller glücklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt doch eine kleine Stärkung der Seele und des Leibes notwendig; nicht wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden und das Schloß dazu! Nur schade, daß wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe Freunde, wenn ihr mit dem Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei — Herren da genug und andächtig beguckt habt. Ei ja freilich, liebe Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu betrachten. Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da — na, das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da sitzen und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her drehen.“

„No, so’n alter Spuk!“ meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. „Da vermeine ich doch, daß wir jetzo einen neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was paßt, paßt, und was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem Herrn — Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen. Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der Gemeinde sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das Schriftliche darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das halbe Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe zur Gratulation versammelt.“

Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.