Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen, ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. — — —

Horch, ein Schritt auf der Treppe.

Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem Traume vernimmt: „Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens, wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den Bekümmerten — mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein, lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.“...

Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.

„Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich — Franz ist daheim! Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt — entsetzlich! Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir — ich und viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause — ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage sind wir alle bei dir, — er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama! Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war, um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch noch zuwege gebracht, und das ist herrlich — ich meine der Krieg und nicht unser Junge natürlich — ach, ich bin immer noch so konfus und habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern! nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen blüht endlich auch einmal. — Darüber werden wir denn recht eingehend reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen! Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen können; aber nun soll’s anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein Zweifel, jetzt kriegte er dich — wir kriegten dich! O könnten wir’s dir doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan hast!

Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen, Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben keine andere wußte.

Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein, wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke; und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße. • Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die Frisur, so führt er mir mit die Feder.

Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und bleibe, du meine zweite Herzensmutter!“...

Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht jenes „Einfalls“ und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den Schoß legte.

[ Auf dem Altenteil
Eine Silvester-Stimmung ]