Nun ließ es sich freilich auf der Lorena lustiger hausen, als in der niedrigen, dumpfigen, holzvertäfelten Stube drunten in der Taube; vorzüglich für einen, welcher von früher Jugend an die frische Luft gewöhnt war; und der Korporal Sven saß manch lieb langes Jahr dort oben, und ein undankbarer, hartherziger Gesell von Grund aus hätte er sein müssen, wenn er jetzt nicht sein Geschick allmählich gelobt hätte. Wir wollen zwar nicht behaupten, daß gerade er vor den anderen Sterblichen der damaligen Zeiten berufen war, jubilierenden Herzens in die Pracht und Schönheit der Natur zu blicken, allein er hatte doch auch seine Freude an dem, was er von seiner Tür aus überschaute. Da hatte er zu seiner Linken den mächtigen See bis in die fernste verschleierte Ferne; zu seiner Rechten aber, über dem Tal von Schwarzenberg, da hob es sich empor: Giebel an Giebel, Zacken an Zacken, Wand über Wand; und die Glocken seiner Kühe klingelten um ihn her, und Aloysia Madlener kam, erst ein jung, leichtfüßig Kind, dann eine hübsche Jungfer, und saß wieder bei ihm und suchte ihm jetzt die Zeit zu vertreiben, wie er früher sie ihr vertrieben hatte.

Tagelang saß sie oft bei ihm auf der Lorena, und bald kam die Zeit, wo der kriegerische Kuhhirt Besuche bekam, die ihm gar schön um den Bart gingen und doch nicht seinetwegen von allen Höhen herab und aus allen Tälern hinauf zu ihm stiegen. Eitel jung Volk besuchte ihn, die besten Buben weit umher, und einige gab es darunter, die kamen mit der Mette und gingen erst mit dem Abendgeläut, bis die Katz’ aus dem Sack war, und der Fidel Unold, der reiche Sägmüllerssohn, es allen anderen abgewonnen hatte. Da gingen denn dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd auch wieder einmal die Augen auf, und als er seiner Verblüffung gegen die Frau Fortunata Luft machte, da stemmte diese auch wieder einmal die Arme in die Hüften und sprach:

„Schwen, daß ich einen Esel am roten Egg aufgehoben habe, das wußte ich nach den ersten drei Tagen unserer Bekanntschaft. Na, Alterle, laßt’s gut sein, ich habe hier unten die Augen offen behalten, während ihr da oben nur das Maul aufsperrtet und vermeintet, das ganze junge Volksspiel gehe nur deshalb zu euch her, um eure Lügen und Heldentaten anzuhören. In acht Wochen ist Hochzeit, und ihr seid freundlich geladen.“

In acht Wochen war wirklich die Hochzeit der schönen Aloysia Madlener und des glücklichen Fidel Unold, und der Korporal Knäckabröd spielte, obgleich er ein Esel war, doch keine geringe Rolle an dem hohen Tage. Er tanzte sogar; — erst zu allgemeiner Bewunderung einen schwedischen Tanz, dann unter lautem Aufkreischen der Weiber und brüllendem Gelächter der Mannsleute einen Kroatentanz, und zuletzt zu seinem allereigensten Vergnügen einen zierlichen Ländler mit der Brautmutter, der Frau Fortunata Madlener; und nur verschiedene alte Weiber, die ihm einst am roten Egg mit aufgegeigt hatten, schüttelten jetzt noch den Kopf über ihn.

Nach den Hochzeiten pflegen die Taufen zu folgen, und so geschah es auch hier. Gar häufig holte man ihn auch zu solchen Feierlichkeiten von seiner Höhe herunter, und dann stiegen wiederum kleine Füße zu ihm hinauf, und — so gingen die Jahre vorüber und hin, und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, der in seinen jungen Jahren so vieles durch gemacht hatte mit Märschen, Stürmen, Schlachten, Hunger und Durst, und es gar nicht besser gewußt und gewollt, der saß nun im Fett und im Frieden und wußte und wollte nichts mehr von der Welt da draußen vor den Bergen.

4.

„Wenn sie mich zu Hause und in Ruhe gelassen hätten, wär’s besser und mir lieber gewesen,“ brummte der schwedische Mann an seinem Tische auf dem Gebhardsberge unruhig auf- und abrückend. „Das Weibsvolk, das Weibsvolk, — gibt es wohl Frieden? Nimmer! Kann es wohl einen in seinem Winkel sitzen lassen? Niemalen! Das muß immer herumwuseln und zerren und zupfen und einem den Bart streicheln und einem im Notfall mit Gift anschrillen, wie eine Million Heugaisen, bloß um seine eigene Million Grillen durchzusetzen. Da sitze ich nun, aber wo sind sie jetzt, meine Weibsen? Da geht es mir doch wie königlicher Majestät mit den lappländischen Regimentern Anno Dreißig. Die sollt’ man gegen den Feind führen?! Kaum hatt’ man sie zusamm’, so hupft’s auseinander mit Gequak und Gegecker wie ein Sack voll Frösch’, und der Hauptmann steht allein vor der Batterie und kann aus der Haut fahren. O potz Käs und Kuhglocken, als die Kleinen gestern Nachmittag heraufkrabbelten und einen Gruß brachten von Mutter und Großmutter und die Nachricht, heute gehe es nach Hohen-Bregenz zum heiligen Gebhard, da hab’ ich mir bei ihrer Lust gleich gedacht, daß das für mich ein sonderlich Vergnügen werden würde. Der Tiroler ist es nicht, die Erinnerung ist’s, was mich auf den Kopf stellt. Dem roten Egg bin ich seit einem Menschenalter nicht nahe gekommen, und nun muß ich der Alberschwendener Weiberstreifpartei hierher als Führer dienen! Ja, sicher wär’s besser gewesen, wenn sie einen anderen dazu kommandiert hätten, und doch — o, o, es ist, es ist ein sonderlich Vergnügen. Da hielt der Wrangel! Und dort fanden wir den Fähndrich Olafsson mit eingeschlagenem Schädel. Ja, klingelt nur und räuchert nur; ihr klingelt und räuchert uns nicht weg! Es war eben eine gloriose Wirtschaft, und es ist nur ein Elend, daß man nicht einen hat, mit welchem man anstoßen könnte: trink, Bruder, die schwedische Gloria soll leben, — alle guten Gesellen zu Roß und zu Fuß sollen leben, und du sollst auch leben, Bruderherz! — Wo stecken nur die Weibsen? Das ist doch keine Art, einen mit der alten Zeit an einem solchen Ort alleine zu lassen! Ja, wenn ich nur die Kinder hätt’, da könnt’ ich mich doch woran halten — ho, ho, der rote Tiroler und der General Wrangel, die haben nun die Oberhand über dich, Sven Knud son Knäckabröd — o Käs und schwer Geschütz, Sven, es ist doch eine Lust und Annehmlichkeit, heut allhier auf Hohen-Bregenz zu sitzen und Anno Sechsundvierzig mit dabei gewesen zu sein, als man es mit Sturm nahm; Herrgott, die Tränen kommen einem vor Wehmütigkeit in die Augen, und wann ich heut schwedisch reden hört’, ich glaub’, das Heimweh stieße mir das Herz ab.“

Die „Weibsen“, welche der Korporal Sven zum heiligen Gebhard hatte führen müssen, nämlich die Frau Fortunata, die Frau Aloysia und die kleinen Mädchen der letzteren, hatten ihn natürlich sogleich nach der Ankunft auf dem Pfannenberge seinem Geschick und eigenen Gaudium überlassen. Den schwedischen Mann hatten sie immer zur Hand, aber um den Altar des heiligen Gebhard da gab es Bekannte und Verwandte, Freunde und Freundinnen, die man nicht immer zur Hand hatte.

„Ich vertret’ mir die Füß’,“ sagte der Korporal, „es hilft nichts, hier festzuwachsen. Sie werden mich heute nicht als Spionen hängen, wenn ich des Ortes Gelegenheit wieder einmal erkunde. Donner, es war doch eine tüchtige Arbeit, damals bei dem gefrorenen Boden, Schnee und Eis, die Artillerie den Berg hinauf zu bringen!“

Er hatte sich erhoben und reckte und dehnte sich und wandelte schwerfällig durch das Getümmel und betrachtete von neuem und von allen Seiten aus den Schauplatz, auf welchem er selber einst mit der Pike in der Hand so tapfer mit agieret hatte. Er stieg um die Ringmauern.