Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten.

„Das ist ein sonderbarer Menschentypus,“ sagte Roder lächelnd, als wir langsamer hinterhergingen; „die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz spazieren gehen können. — Aber es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:

Mihi est propositum

In taberna mori …

Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf, er ging auf die Universität. Da saß ich eines Abends und untersuchte Moose durch die Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte, und eine Bierbaßstimme — wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs — ‚’n Morgen, Roder,‘ hinter mir sagte. Es war Wimmer, der wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert, ‚die große Tour machte,‘ wie er sagte. Geld besaß er schon damals nicht, aber viel Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander in den Weg geführt, und immer war der Doktor Wimmer — derselbe …“

„Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört,“ sagte ich.

„Halt,“ rief der Lehrer, „welch ein prächtiges Aconitum, entschuldigen Sie!“ Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich in den Bart murmelte:

Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch in eine Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein.

„Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal her!“ rief jetzt Lischen in der Ferne.

„Was gibt’s denn Lise?“ ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse legend.