„Aber hier, Lise, ist’s was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen.“
„O das ist wunder-wunderhübsch,“ ruft die Kleine, welche gar nicht hört, was der Doktor sagt. „Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht — o, welche große Schnäbel — er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! — Er tut Dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig sitzen!“ —
Jetzt ließ der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: „Nun lauf zu Fuß,“ sagte er, „das Gras ist trocken.“
Welch ein Tag! Noch zogen weiße Wölkchen über die Baumwelt weg, bald aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: „Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen?“ — Die Händchen sind schon so voll, daß wir bei jedem Schritt eine verlieren, und daß der Doktor sagen muß:
„Ist’s nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber — schrecklich — die Häscher sind ihm auf den Fersen — wo hat er sich hingewendet? — ‚Ha,‘ sagte der erfahrenste der Spürer, ein wahrer Pfadfinder auf der Vagabondenjagd — ‚seht die Blumen — untermischt mit Zigarrenenden! Laßt uns dieser Spur folgen, Brüder! — Ha, seht hier im weichen Boden die Hundetapfen? — Er ist’s, er ist’s — Fort, ihm nach!‘ — Schrecklich!“
„Bravo, Wimmer!“ lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen zerlegte. „Welcher Stoff für Dein nächstes Werk; wo Du es auch schreiben magst, ich hoffe auf ein Exemplar.“
„In München werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der ‚Knospen‘ — Gabriel Pümpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel? Ist nicht Nanette Pümpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl!“
„Doktor! Doktor!“ rufe ich lächelnd.
„Wahrhaftig,“ seufzt der eliminierte Schriftsteller, „ich habe heute ordentlich Lust solid zu werden.“
Ehrlicher alter Bursch!