Der Doktor Primus räusperte sich mit einem würdigen Lächeln, und der Doktor Sekundus klärte seine Kehle auf dieselbe Weise, allein Herr Hieronymus sprach mit abwehrender Handbewegung:

„Wir danken dem Herrn Kuratori, doch gelüstet unserer Zunge nicht nach irdischem Wohlschmack. Diese zwo Herren führt ihr leiblicher und mich mein geistlicher Beruf hieher.“

„Ei, ei,“ sagte Jens Pedersen Gedelöcke. „Ehrwürden verpflichtet mich immer mehr; doch — was saget mon coeur, meine Eheliebste? Welch einen Beruf wendet sie für?“

„O Jens!“ rief die Frau Mette, „du weißt, daß es immerdar nur meine Liebe und meine Sorge für dein irdisch und ewig Heil ist, welche mich bei dir festhält!“

„Ei, ei, ei!“ wiederholte der Kurator und setzte hinzu: „Davide, was stehet Er und gaffet! Sein Gesicht wird dummer von Tag zu Tage; — lasse er den Hispanischen bringen, die Herren Doktores werden mir nicht den Trost in meinem Jammer versagen.“

„Man muß denen Patienten ihren Willen lassen, Herr Hieronymus,“ sprach der Doktor Sekundus mit einem freundlichen Lächeln zum Pastor der Trinitatiskirche, und der Doktor Primus sah dem Famulo mit einem beifälligen Kopfneigen bis zur Türe nach. Dann, als der Wein gekommen war, ein jeglicher, — selbst der Pfarrherr — sein Spitzglas auf dem Knie hielt, und David Bleichfeld wiederum das Zimmer verlassen hatte, erhob sich der Kurator Gedelöcke auf den linken Ellenbogen, blickte im Kreise umher und verglich im Innersten die drei schwarzen Herren und die in ein trübes Grau gekleidete Gattin mit drei Raben und einer ältlichen Mantelkrähe, und sich selber in seinem Leiden mit einem podagristischen Mops, welcher sich bewußt war, was er im Leben genoß, und deshalb die Kondolenzvisite mit Geduld und Humor annehmen konnte. Mit großer Gewalt, Beredsamkeit und Salbung rückte Ehrn Hieronymus Moekel von der Trinitatiskirche dem wunderlichen Heiligen auf den Leib, und die Frau Mette begleitete jeglichen Angriff mit leisem Gewimmer und lautem Beifall; die beiden Ärzte aber hielten sich mehr passiv und an den Spanischen, bis sich der Kampf auf ein Terrain wälzte, das weniger Gelegenheit gab, sich zu kompromittieren. Was den Famulus David Bleichfeld anbetraf, so stund derselbe draußen vor der Türe, hatte seine lange dürre Gestalt rechtwinklig eingeklappt und wechselte mit dem Auge und dem Ohr vor dem Schlüsselloch und begleitete das Spiel im Innern des Gemaches außerhalb desselben mit den verwunderlichsten Grimassen, Gesten und den allerkuriosesten Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht gelehrter Mensch war und seinen Herrn liebte, so wollen wir uns mit dem begnügen, was er aus der Unterhaltung der andern abzog; sintemalen es auch wohl nicht lohnen würde, ein jedes Wort der Konversation dem eiligen, atemlosen Publiko von neuem vor die Nase zu rücken.

„Philister über dir, Simson!“ murmelte der Horcher an der Wand. „Heißa, jetzt haben sie ihn zwischen den Kneifzangen, wie den Stürzebecher auf dem Markt zu Hamburg. Horch, da ist der Pfarrherr schon auf dem Wege gen Damaskon, und das Gleichnis vom schnaubenden Saulo passet wie die Faust aufs Auge. Drauf, pro libertate christiana, gebt es ihm, Herr Kuratore. Ha, ha, an den Tod gläubet Ihr, sintemalen er alle Eure Vorfahren verschlucket hat? Ein hohes Konsistorium hätte es Euch nicht zugetraut, aber ein alter Heide und Ägyptier bleibt Ihr doch und nehmet Eure Gerippe auf Eure Gastmähler nur deshalb mit, um bei ihrem Anblick desto vergnügter das Leben zu genießen! Noch ein Gläschen Alikante, Herr Doktor Primus? Ist es keine ratio theologica, daß man die, so in der christlichen Kirche christlich gelebet, auch in der Versammlung der Kirchen, welche der Tempel ist, ehrlich begrabe? O Gedelöcke, Gedelöcke, du willst nicht durch die Gewölbe und Steinplatten verdampfen und jeglicher frommen Nase zum Ärgernis und Leibesschaden werden?! O Gedelöcke, welch ein heidnischer Jud bist du, da es dir einerlei ist, ob die Auferweckung der Auferstehung vorgehe: ist es dir nicht bekannt, daß geschrieben stehet: resuscitatio est causa resurrectionis? — Also um 9976 Meilen ist das Firmament jüngsthin eingesunken, Herr Doktor Sekundus? — Das ist freilich ein erfreulich Zeichen des kommenden Jüngsten Gerichtes; aber Er ist doch ein heimlicher Jude, Herr Jens Pedersen Gedelöcke, und wird dahin fahren, wohin Ihn der Herr Hieronymus von der Dreifaltigkeit dirigieret. O, ruchlose Seele, ist die Hölle nicht so heiß, wie man sie machet? Gedelöcke, Gedelöcke, wie hast du den rechten Weg verfehlet mit deinem metaphorischen Feuer; — wo Rauch ist, Apokalypse, vierzehntes Kapitel am zehnten und elften Vers — da ist auch Flamme — Lukas im sechzehnten Stück, Vers vierundzwanzig! Was soll’s nunmehro mit unserm Meister Henrich Israel? O ha, anjetzo fangen wir an und ziehen erst die rechten Register. O Gedelöcke, o Herr Kuratore, jetzt geht’s mit Ihme um die Ecke und kopfüber in den Pfuhl der Verdammnis; einen guten Stilum magst du schreiben, mit dem Mund magst du spitz und scharf auf den rechten Fleck zufahren; aber besser wär’s dir doch gewesen, so du nicht der Gelehrten, Weltweisen und verführerischen Rabbinen Schriften studieret hättest, sondern bei der lautern Milch des Evangelii geblieben wärest! Das ist keine Sache für einen gläubigen Christen, daß er seinen Braten immerdar beim jüdischen Schlachter einkaufe; wer aber das Schwein und alles, was von ihm kommet, verachtet, der mag sich wahren, daß er nicht selber —“

Der Famulus schnellte im jachen Schreck zurück und in die Höhe; im Gemache seines Herrn hatte sich urplötzlich ein gewaltiger Tumult erhoben. Stühle wurden mit Gepolter zurückgeschoben; die Glocke des Kurators läutete gellend Sturm; die Stimme der Madame mischte sich schneidend in das dumpfe Gebrumm der Mediziner und den rollenden geistlichen Donner: Gedelöckes Stimme aber klang klar gleich einem Trompetenstoß durch die Schlacht:

„Davide! Davide! wo steckt Er? Davide, eile Er herbei; komme Er seinem geschlagenen Herrn zu Hilfe, Davide, Davide!“

Mit einem Sprunge stand der Gerufene im Krankenzimmer.