„Nun, Mann, da wir soweit sind, so rücket weiter,“ sagte der Oberst, doch nicht mit der gewohnten rauhen Kommandostimme. „Die Toten beißen nicht, und den Lebendigen kann man die Zähne weisen; — da!“

Der isländische Regimentsdoktor hatte den zaudernden Famulus durch einen jähen Stoß in das Gemach gedrängt; der Schein der Lampe fiel über das Bett des Kurators, und aus dem Lehnstuhl neben dem Bette erhob sich fauchend der Kater Mutz und sah mit grünleuchtenden, wilden Augen auf die Eintretenden. Unter dem weißen Laken, so man über den Leichnam geworfen hatte, guckte nur der rote Zipfel der Nachtmütze Gedelöckes hervor; der Lichtschein tanzte über dem Tische mit den Arzneigläsern, Schalen und Bechern; auf der spanischen Wand grinsten die bunten Chinesen wie phantastische Kobolde, und in dem kuriosen Gezweig schienen die kuriosen Vögel in dämonischer Lustigkeit mit den Flügeln zu schlagen. Schon aber hatte Herr Snorro Skalholt die Leinwand von dem Gesicht des Toten gezogen, und während die beiden andern noch in Betrübnis und Grauen bewegungslos standen, betastete er mit gierig-kundiger Hand den Leichnam, wandte sich um und sprach:

„Herr Obrister von Knorpp, der Mann spielt Euch sicher keinen Possen mehr.“

„Ich wüßte nichts, so mir schwerer einginge!“ seufzte der Oberst. „O Jens, Jens, das gehet noch über die Mamsell Spegelmann im Garten zu Rosenborg, — ah, bah, hab’ ich damals meinen Willen gehabt, so sollst du jetzo den deinigen haben, Jens Pedersen Gedelöcke! Vorwärts im Schritt; — gebet Euer Wort dazu, Ihr Herren!“

„Messieurs sind also fest entschlossen, mit hier vorliegendem Korpus per fas et nefas denen, so ein mehreres Recht daran haben möchten, die elatio, will sagen, die Leichaustragung vor der Nase hinweg vorzunehmen?“ fragte der Doktor Snorro, sich von der Inspektion des Leichnams aufrichtend.

„Per fas et nefas, es war seine Meinung, und es soll so geschehen!“ rief schluchzend der Famulus, und der Oberst von Knorpp streifte stumm, mit grimmigem Ernst, die weiten Ärmelaufschläge zurück, zu jedem Anpacken mit Fäusten und Zähnen bereit.

„So ist mein Avis,“ sagte der Regimentsfeldscher, „die Herren halten allhier gute Wacht mit Ober- und Untergewehr; ich aber bringe vom Spital die Vespillones, will sagen, meine Bahrträger. Da gehen wir dann mit dem Herrn Kurator fein still und sittsam die Treppe hinunter, machen an der Tür dem Haus unser Kompliment, und hab’ ich ihn, will sagen, den Herrn Kuratorem, im Spital, so —“

Der Doktor brach ab und zeigte nur sein Gebiß; der Herr von Knorpp und Herr David Bleichfeld gaben nickend ihre Beistimmung kund, jedoch mit der geheimen Reservation einer kleinen Unterschiedlichkeit zwischen den allerletzten Schicksalen Mynheers van der Tromp und des Kurators Jens Pedersen Gedelöcke. Auf den Zehen schlich der Isländer aus dem Zimmer; der Obrister setzte sich zu Häupten des Lagers nieder, und der Famulus hielt Wacht an der Tür, nachdem er vorher noch eine Wachskerze, die er auf einem Nebentische fand, angezündet hatte. Schnurrend aber ging der Kater jetzo, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Freunde seines toten Herren gekommen waren, von einem der beiden Männer zu dem andern und rieb knisternd sein Fell an ihren Schienbeinen und Waden, bis er plötzlich ganz improviso mit einem Satz dem Obristen auf das Knie sprang und gravitätisch daselbst seinen Posten behauptete. Hätte der Kurator sich aufrichten und einen Blick in das weite, dunkle Gemach, auf den rotröckigen Herrn Benedikt von Knorpp, den schwarzen, bleichgesichtigen, zähneklappernden David Bleichfeld und den Mutz werfen können, er würde dessen gewiß merkwürdiglich froh geworden sein.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein langes Geseufz, ein dumpferes Knurren und Brummen des Kriegsmannes die Stille der Nacht. Der Wind zischte vor den Fenstern, es rieselte der Ruß im Schornstein hernieder, einmal wurde draußen auf dem Gange eine Tür schnell geöffnet und noch schneller wieder zugeschlagen.

„Da lob’ ich mir jeglichen Posten über jeder Flattermine,“ murmelte der Obrister, und der Famulus lobte noch manche andere Dinge und Zustände, welche behaglicher waren, als dieses mitternächtliche Harren auf den isländischen Doktor Snorro Skalholt und seine Bahrträger. Endlich um zwölf Uhr weniger zehn Minuten legte der Herr von Knorpp die Hand ans Ohr, und David schlich zum Fenster und flüsterte: