»Da! ich sagte es doch, — steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben wir's — große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daß sie es so gut am Lande, im Walde hat, — wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die Berge von Ceylon?… eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.«
Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien mithernehmend:
»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote — man muß die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud — unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf dem Meer — die bezogene Luft — sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe — gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und — da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen sehen.«
»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing bald wieder an, von neuem zu reden.
»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und — Mynheer — van Kunemund auch; — wir gingen alle in den schönen Garten — Schiff glatt vor dem Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, — da haben wir's, und das Kajütendeck fängt sofort an zu lecken — warmes Regenwasser in den Grog — und da — Bab el Mandeb — das Tor des Todes!… ich wollte, wir säßen sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter Evas Grabe!«
»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; — o lieber Herr, manchmal hat er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben gesehen haben — schwarz und gelb und braun — von den melierten und den weißen gar nicht zu reden.«
Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.
»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn — bei Mutter Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir — ja die Hexe im Märchen — hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.
Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann flüsterte die Greisin:
»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief längst erhalten haben.«