Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte, das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. —
Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen.
Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen:
»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe — der liebe Gott wird's dir vergelten, Gertrud!«
Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später hat sie ihn mir gezeigt. —
Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübsche
Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das
Gesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben:
»Ihr kommt zu spät, Vetter.«
Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt — gemacht, so würde ich mich wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es ist damals so gewesen! — bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine nächtliche Betstunde abhielt und sang. — Sie sangen in der einstigen Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war, Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft, um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, und uns störten sie wahrhaftig nicht.
Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und drückte sie fest zusammen: