Endlich saßen sie wieder; der Oberst aber nicht auf dem ihm so lange Zeit aufbewahrten weichen Ehrenplatz. Dom Agostin hatte, nachdem er die Ehre zuletzt fast grob zurückgewiesen hatte, mit zierlicher, drängender Höflichkeit Fräulein Dorette Kristeller in den Lehnstuhl niedergesetzt, und diese behielt denn auch den Platz, nachdem sie ihren Protest eingelegt hatte.

»Gegen die Gewalt kann ich nicht an, Herr Oberst, aber behaglich sitze ich hier wahrhaftig nicht, und in die Wirtschaft muß ich auch jeden Augenblick hinaus.«

Das war richtig. Die chinesische Bowle mußte noch zweimal im Verlaufe der Nacht gefüllt und das Gastzimmer ebenfalls doch auch für den geheimnisvollen, abenteuerlichen Freund hergerichtet werden. Dazwischen erzählte der alte Soldat, ohne sich im geringsten zu sperren, dem »Wilden Mann« seine Geschichte. Was darin zu Tage kam, hätte jeden Tisch voll Philister (unter anderen Umständen) bewogen, erst von dem munteren Erzähler leise abzurücken, dann nach und nach mit den Gläsern und Pfeifen sich nach einem anderen Platze umzusehen und dann — bis zum Nachhausegehen — von dem neuen Stuhl aus verstohlen, furchtsam und verblüfft über die Schultern nach dem unheimlichen fidelen alten südamerikanischen Burschen hinzustieren.

Achtes Kapitel.

Das kahle Gezweig kratzte nicht mehr so ärgerlich wie vorher an den Fensterscheiben des Hinterstübchens in der Apotheke »zum wilden Mann«. Der Förster Ulebeule hatte den Kopf in die Nacht hinausgesteckt, ihn zurückgezogen und den im Zimmer Anwesenden die tröstliche Versicherung gegeben:

»Es klärt sich richtig auf. Man sieht die Sterne durchs Gewölk. Der Wind hat ordentlich über unseren Köpfen und Schornsteinen aufgeräumt. Ich kenne das und wette, daß wir morgen einen ganz klaren Tag haben werden.«

Dies fiel in die Pause nach dem wundervollen Ereignis und Wiederzusammenfinden in der Apotheke »zum wilden Mann«.

Philipp Kristeller hatte bis jetzt die Hand seines Wohlthäters noch nicht losgelassen. Die beiden alten Freunde saßen nebeneinander, und der Oberst hielt spielend in der Linken den Brief, den er vor einunddreißig Jahren in der Lebensverzweiflung geschrieben und mit 9500 Thalern in Staatspapieren für den botanischen Studiengenossen beschwert hatte. Jetzt zum erstenmal entzog er die rechte Hand dem Freunde vom Blutstuhle, warf das letzte Endchen seiner Cigarre hinter sich und zog eine kurze Pfeife heraus, die er aus einem sehr exotisch, sehr indianisch aussehenden Tabaksbeutel füllte und plötzlich — ehe er durch einen hastigen Griff und Ruf des Apothekers daran gehindert wurde, in Brand setzte. Ehe er dran gehindert werden konnte, hatte Dom Agostin Agonista ein bedeutendes Stück von seinem verjährten, wild-phantastischen Schreiben abgerissen, es regelrecht zu einem Fidibus zusammengedreht und denselben zu dem Zwecke verwendet, zu welchem man eben einen Fidibus gebraucht. In demselben Moment fing er gelassen und gemütlich an, seine Geschichte zu erzählen, und sie ging gut an, nämlich mit den Worten:

»Nicht wahr, Doktor, wer noch keinen Menschen umgebracht hat, der wird sich nur schwer in die Gefühle eines, der's bereits fertig brachte, hineinfinden. Erschrecken Sie nur nicht zu arg, meine Herrschaften; ich habe mich allmählich hineingefunden; — es lernt sich alles in der Welt und wird zur Gewohnheit, das Hängen und Erschießen wie — das Köpfen. Ich stamme aus einem der anrüchigsten Geschlechter Deutschlands und hatte drei Tage vor dem Zusammentreffen mit meinem Freund Philipp Kristeller auf dem Blutstuhle gethan, was ich mußte. Um es kurz zu sagen, so hatte ich, unter Billigung und Beistand von Staat und Kirche, einem nichtsnutzigen Mitbruder im Wirrwarr dieser Welt auf offenem Felde und vor zehntausend Zuschauern den Kopf abgeschlagen. Erschrecken Sie nicht, bestes Fräulein — auch das ist eine verjährte Geschichte.«

Ja, was half es zu sagen: Erschrecken Sie nicht! —? sie fuhren doch alle zusammen, selbst Herr Philipp Kristeller.