Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu:
»Großer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein armer, armer Bruder!«
Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben an:
»Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Förster Ulebeule und weißt du, wo er wohnt?«
»Na?!« fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrüstet ob der Naivetät der Frage.
»Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich. Lauf' einmal zum Herrn Förster und bestell' einen schönen Gruß von dem fremden Herrn in der Apotheke, und es würde dem Herrn Apotheker und dem fremden Herrn ein Vergnügen sein, am Montag bei dem Herrn Förster zu essen.«
Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück, ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe. Drunten im Hinterstübchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten, saß Fräulein Dorette Kristeller, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Gesicht auf die Hände und ächzte leise:
»Mein Bruder, mein armer Bruder!«
Vierzehntes Kapitel.
Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke läutete zur Kirche, und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt. Er trug seine sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine Erscheinung vollständig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei vernahm ihn über die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; — ein so sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des kleinen Gotteshauses erschüttert. Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger, wiederum Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend, so zu sagen die Parade der ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend, schritt der Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch.