»Das nennt man freilich auch, unterm Wind sich anschleichen; aber ein Vergnügen war es gerade nicht. Na, Pastore, hier haben wir Überwind, und für das Übrige wird Fräulein Dorette zu sorgen wissen.«

Der Alte im Hinterstübchen, welcher anfangs etwas betroffen gehorcht, hatte sich schnell in die Situation gefunden. Ein Lächeln auf seinem gutmütigen Gesichte wurde immer breiter und sonniger, und jetzt riß er seinerseits die Thür auf, welche aus seinem Schlupfwinkel auf die Hausflur führte, und rief in heiterster Laune:

»Herein, herein, und gelobt seien alle melancholischen Phantasien, wenn sie einem so erwünschte Gesellschaft ins Haus führen. Das war ein Gedanke — das war eine That, Dorette! Herein, liebe Freunde, — das ist freilich ein Abend, um eine Nacht daraus zu machen, und letzteres wollen wir und zwar, wie es sich gehört! Herein, und jeder an seinen Platz, und ein Vivat für die alte Apotheke!«

»Davon nachher, wenn wir erst Chinesien auf dem Tische haben werden,« sagte der Förster, seinen Stock in den Winkel stellend. »Fürs erste, alter Bursch, ganz sedate unsere beste Gratulation zum glorwürdigen Jubiläum. Wenn der Pastor das noch einmal und mit Salbung vorträgt, so habe ich auch nichts dagegen; aber wenn wir den Hasenfuß, den Physikus hier hätten, so würde der uns allen den Rang ablaufen; ein hirschgerechterer Jäger für einen Glückwunsch und Trinkspruch soll noch gefunden werden; aber er ist über Land geholt.«

»Und wird zu Hause meine Benachrichtigung vorfinden,« sagte Fräulein Dorette Kristeller.

»Schön,« sprach der Förster, »unter den Umständen kriegen wir ihn sicherlich noch zu Gesicht. Übrigens würde er es schon ganz aus Naturanlage gewittert haben, daß wir uns hier rudelten. Bis Mitternacht bleiben wir ja doch wohl vergnügt beisammen?«

»Natürlich! Hurra!« rief der Apotheker, und der Pastor brachte nun wirklich in Erwartung Chinesiens, das heißt der Punschbowle, fein, zierlich und schicklich seine Gratulation gleichfalls an.

Unterdessen hatte sich das ganze Haus mit eigentümlichen, anmutigen Düften, die den Apothekendunst ihrerseits sieghaft bekämpften, gefüllt. In des Hauses Küche hatte ein merkwürdig lebendiges Treiben begonnen; allerlei Gerät rasselte und klirrte fröhlich durcheinander. Punkt neun Uhr stand die erste dampfende Schale auf dem Tisch, und nicht sie allein, sondern, was dazu gehörte, ebenfalls. Für fünf Minuten fand des Apothekers Schwester nun auch Muße, sich zu den Männern zu setzen und die ersten Belobungen derselben in Empfang zu nehmen.

Die Belobungen kamen zu rechter Zeit; aber dann trat für einige Augenblicke das Stillschweigen ein, welches immer entsteht, wenn ein des Nachdenkens würdiges Getränk auf den Tisch gesetzt wird. Daß dieses Stillschweigen schnell überwunden wird und ein jeder sich merkwürdig rasch mit der Feierlichkeit des Momentes abzufinden weiß, ist bekannt.

»Also wirklich bereits ein volles Menschenalter!« rief der geistliche Herr. »Ich hielt es im Anfang fast für unmöglich; aber nun, da ich im Stillen nachgerechnet habe, finde ich und gebe zu, daß es sich in der That also verhält. Ich hatte mich in jenem Jahre gerade mit meiner guten Friederike in den Stand der heiligen Ehe begeben, und mein ältester Sohn, der Inspektor, ist wahrlich seitdem bereits achtundzwanzig Jahre alt geworden.«