Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich Maria im feinen, gläubigen Herzen.

So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der deutschen Beseelung.

So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn der eigenen Sprache.

So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk.

Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.

Philipp Melanchthon

Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.

Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.

Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber gekommen.