Das Buch der Propheten
Hans Sachs
Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die Ratsherrn, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürgerschaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten, saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister Hans Sachs.
Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.
Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.
So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von den Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren zuhalten.
Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.
Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die Völler betrunken sein.
Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam, merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.