Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt.
Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.
Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und Höllenverheißung gewesen.
Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame Antwort.
Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer Gleichung.
So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne.
Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen.
Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt.
Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.
Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.