29.
So muß Heinrich Pestalozzi doch noch einmal ins Collegium, und es ist nicht leichter für ihn geworden in dieser Zwischenzeit: im Alumnat hat es eine böse Reinigung gegeben, und die davon betroffen sind, stehen nun in tückischer Feindschaft gegen ihn; auch die Lehrer übertragen zum Teil die Stimmung der peinlichen Enthüllung gegen ihn, und da seine Erscheinung durch die ländlichen Sommerwochen nicht gewonnen hat, finden sich Anlässe genug ihn zu verhöhnen. Das Schlimmste bleibt trotzdem, daß er sich in den witzigen, aufklärerischen Geist der Theologenschule nun gar nicht mehr zu finden weiß. Er kann es nicht begreifen, daß sich im Zeitalter Rousseaus der humanistische Bildungsdünkel noch so breitmachen kann wie in diesem Unterricht. Selbst die alten Schriftsteller scheinen ihm aufs gröblichste mißverstanden, indem das Leben aus ihren Schriften weggelassen und nur das Wort gelehrt und gedreht wird. Als Steinbrüchel, der schon mit Übersetzungen der griechischen Tragiker aufgetreten ist, im Lindauer Journal die erste olynthische Rede des Demosthenes abdrucken läßt als Stichprobe seiner Übersetzung der sämtlichen Werke des athenischen Redners, kann Heinrich Pestalozzi der Lust nicht widerstehen, dem hochmütigen Mann an einem Gegenbeispiel zu zeigen, was in diesen Reden mehr als humanistisch sei. Obwohl er im Griechischen ein mangelhafter Schüler ist, legt er im Examen ein Bruchstück der dritten olynthischen Rede vor, das er danach auch, gleichsam als Vorrede zu seinem Agis, mit diesem im Lindauer Journal abdrucken läßt. Der Beifall, den seine Übersetzung durch das Feuer und rednerische Talent der Sprache findet, ist so allgemein, daß der gelehrte Professor Steinbrüchel seine geplante Demosthenes-Ausgabe im Pult behält und als Übersetzer von nun ab peinliche Enthaltung übt.
Damit ist das Studentenschicksal Heinrich Pestalozzis entschieden; aber ihm hat die Übersetzung unvermutet ein Tor aufgemacht, durch das er doch noch mitten ins Leben zu kommen hofft: Landwirt kann und Pfarrer mag er nicht mehr werden; aber gleich dem Demosthenes ein Fürsprech der Bedrängten und Volksredner der öffentlichen Dinge zu sein, das scheint ihm ein Beruf, den er nun sich und andern mit glühender Liebe ausmalt. Alles, was er von dem Leben des großen Griechen liest, wie der gleich ihm den Vater früh verliert und erst durch mühevolle Gewöhnung seine körperlichen Mängel überwindet, wie er die großen Dinge seines Volkes in seine Reden einbegreift und aus einem Rechtsanwalt das Sprachrohr der vaterländischen Gesinnung in Athen wird: in allem findet er Hinweise für seine durch die Ähnlichkeit des Temperaments und der Zeitumstände vorbestimmte Laufbahn. Auch Bluntschli billigt sie, und die Mutter willigt schweigend ein. Da es im Collegium Carolinum keine Klasse für die Rechtswissenschaft gibt, geht er nun endgültig von der Anstalt ab, die ihm verhaßt geworden ist. Wie er zum letztenmal die Steintreppe hinuntersteigt, drängt sich ein Trupp seiner Mitschüler hinter ihm her, ihm einen höhnischen Abschiedsgruß zu pfeifen. Er weiß, daß einige Lehrer gern mit dabei wären; obwohl noch nicht zwanzigjährig, hat er nun schon erfahren, daß diese Erlebnisse zu einem tätigen und ehrlichen Leben gehören; er schwenkt seinen Hut zu den hochmütigen Zürchersöhnen zurück, als ob sie ihm den Wert und die Rechtlichkeit seiner Entschließungen bestätigt hätten.
Nach Hause geht er aber nicht, sondern er läuft, wie er da ist, nach Höngg hinauf. Bei dem Spott der Jünglinge ist ihm der Ernst Luginbühl eingefallen, und wie es die selben sind, die dem Weberknaben die Schule verleidet haben. Sogleich hat ihn aber auch die Scham gepackt, daß er sich selber nicht mehr um ihn kümmerte. Wohl hat er sich oft nach ihm erkundigt, aber zu ihm gegangen ist er nicht mehr, und nur einigemal Sonntags hat er ihn gesehen, wenn er, langaufgeschossen und längst mit blassen statt roten Backen von seiner Stubenarbeit, in die Kirche kam. Er kann nicht anders, er muß es gleich gut machen; aber wie er nach Höngg hinaufkommt, läuft er dem Großvater in den Weg, der sich noch etwas in der Herbstsonne ergehen will. Von dem erfährt er, daß der Ernst Luginbühl vor einigen Wochen nachts seinem Vater davongegangen sei, niemand wisse wohin: aber er würde schon überall in der Welt einen besseren Platz finden als an seinem Webstuhl! Glaubst du das wirklich? sagt Heinrich Pestalozzi und sieht mit einem seltsamen Blick in die wellige Hügelferne, als ob er zum erstenmal fühle, daß hinter diesen Bergen auch noch eine Welt ist.
30.
Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?
Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseau ist auf der Flucht nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung; aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!
Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen Bart — wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar — hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und ungetraut mit einem Weibsbild lebt!
Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das erregte Abendgespräch an allen Plätzen.
Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt; nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine eigene Bürgerschaft — die das Verdammungsurteil über Rousseau und seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm streitet — die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht, diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht, folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.