Der Drang seines frühreifen Schicksals will, daß Heinrich Pestalozzi das Glück heimlicher Liebesstunden nur kosten, nicht genießen darf. Um die Kaufmannstochter aus dem Pflug heim zu führen, kann er keinen Beruf gebrauchen, der ihn mit unbestimmten Hoffnungen hinhält; und mit den Entwürfen seiner Volksreden verbrennt er die hochmütigen Advokatenpläne. Irgendwo die Handgriffe der Landwirtschaft zu lernen und dann auf einem Gut zu üben, scheint ihm von allen Möglichkeiten die rascheste; nun, wo er mit der Braut auch den Berater gefunden hat, der durch Sachen- und Menschenkenntnis — wie Bluntschli sagte — seinen Traumsinn ergänzt, glaubt er den Schritt aus der Schulweisheit in das Bauerndasein wohl tun zu können, zumal Anna Schultheß ihn tapfer billigt. Daß es zunächst ein Bruch mit den Beglückungsplänen seiner Jugend ist, übersieht er nicht; aber auch hier beruhigt ihn ein Wort des Freundes, daß man von den schwachen und niederen Stauden keine Körbe voll Früchte ernten könne, der Baum müsse stark und groß sein, um Früchte zu tragen! Wenn er erst einmal frei und wohlhabend auf eigenem Boden sitzt, will er die vaterländischen Dinge schon nicht vergessen haben!
Unterdessen ist seine Mutter noch immer bei dem kranken Großvater in Höngg gewesen, während er mit der Schwester und dem alt gewordenen Babeli gewirtschaftet hat; nun kommt sie zurück, und er holt sie eines Nachmittags ab, freudig, ihr sein Glück mitzuteilen. Der Dekan geht kaum noch aus seiner Studierstube heraus; er hat Sterbegedanken und ist verdrießlich, daß ihm der Antistes noch einen Vikar aufdrängen will, statt seinen natürlichen Abgang abzuwarten. So kann Heinrich Pestalozzi ihm nichts sagen, und auch bei der Mutter kommt er erst auf dem Rückweg dazu, als hinter Wipkingen die Buben vom Tantli zurück gesprungen sind. Sie gehen an der selben Stelle, wo sie mit dem Knaben so bitterlich geweint hat, als er endlich Stimmung und Worte für seine Freudenbotschaft findet. Zunächst ist sie erschrocken, daß er zu den andern Torheiten seiner Jugend auch noch die einer überstürzten Heirat über sie bringen will; wie sie den Namen Anna Schultheß hört, steigt das Wetterglas auf schön, da sie die Vorzüge der Person und der äußerlichen Vorteile in eins übersieht. Eine Schar Tauben flattert aus dem Feld, und ihre Sorgen fliegen mit; es fehlt nicht viel, so wanderten sie auch diesmal Hand in Hand zur Niederdorfporte hinein.
Am nächsten Sonntag steht Heinrich Pestalozzi am Fenster und sieht die Mutter aus der Predigt kommen, zögernden Schrittes, weil nicht allzuweit hinter ihr auch die Anna Schultheß ihr Gesangbuch heimträgt; er hätte der Mutter nicht soviel List zugetraut, wie sie dicht unter seinem Fenster eine Nachbarin anspricht — was sie sonst niemals tut — nur damit die Jungfrau an ihr vorbei muß. Sie grüßen sich still nickend, aber er von seiner Warte nimmt den Blick, mit dem sich die beiden Frauen umfassen, wie einen priesterlichen Segen wahr.
Weiter als bis zu solchen Blicken freilich kommt es zunächst nicht, da die Mutter Annas sich hartnäckig der Verbindung mit dem unansehnlichen und — wie sie sagt — kindsköpfigen Wundarztsohn widersetzt; bevor Heinrich Pestalozzi nicht vor der Welt etwas anderes vorstellt, kann er nicht auf ein öffentliches Verlöbnis hoffen. Er offenbart sich Lavater, weil der den Berner Chorschreiber Tschiffeli kennt, der mit seiner Musterwirtschaft in Kirchberg als der beste Landwirt der Schweiz gilt und namentlich die Zucht der Krappwurzel für die Rotfärberei als ein neues und einträgliches Bauerngewerbe treibt. Lavater schreibt um eine Lehrstelle, und rascher, als Heinrich Pestalozzi es gedacht hat, tut sich für ihn eine Schlupftür ins praktische Leben auf. So schmerzlich ihm die Trennung von Anna ist, der Drang, aus der Ungewißheit seiner gescheiterten Studien in eine rechtschaffene Stellung vor der Welt zu kommen, läßt ihn keinen Tag zögern.
Den letzten Abend ist er bei ihr draußen in Wollishofen, wo ihre Eltern ein Gütchen besitzen; sie haben sich schon mehrmals da getroffen, aber nun drängt die Wehmut des Abschieds zum Genuß der Stunde. Heinrich Pestalozzi fühlt, daß er wie ein Baum im Frühling ist; obwohl sie beide das Heiligtum ihrer Liebe zu hüten wissen, verblaßt die Nacht schon in den frühen Tag, als er aus Tränen und ewigen Gelöbnissen losgerissen am See vorbei nach Zürich zurückwandert. Es sind noch die selben Wege, es ist die Stadt mit dem Getürm ihrer Tore und Kirchen, und überall in den verschlafenen Häusern erwacht die tägliche Arbeit; nur er selber irrt nicht mehr mit ziellosen Sehnsüchten darin umher: Liebe und Beruf führen ihn aus ihrem Wirrwarr in die Einfältigkeit eines natürlichen Daseins hinaus, darin sein ländliches Besitztum, von der Anna Schultheß als Stauffacherin verwaltet, durch Wohlstand und Wohltun den Mittelpunkt einer Bauernschaft abgeben soll. Um in seinem Glück nichts von den Vorsätzen seiner Jugend zu verlieren, sucht er noch einmal sein Leben danach ab, sich feierlich für jeden einzelnen verbürgend, sodaß er aus dieser in Liebe durchwachten Nacht mit Gelöbnissen beladen im Roten Gatter ankommt.
Da fängt der Abschied noch einmal an, und es gilt mehr als eine Trennung auf Wiedersehen: hier packt er für immer ein. Trotzdem geht alles viel leichter als in Wollishofen, und er schämt sich fast, mit welchen Scherzen er das Nest seiner Jugend verläßt. Der Himmel seiner Zukunft ist blausonnig wie der Septembermorgen, der seine Federwölkchen nur zum Spiel aufsteigen läßt; und als er im Postwagen gegen Baden und Aarau fährt, geht nicht ein trüber Gedanke mit. Lavater hat ihm das Bild seiner Anna auf ein Papier gemalt, das hält er in Händen und merkt nicht, wie die Mitreisenden sich über ihn lustig machen: sie ist die Sonne, aus der alles Licht aufgeht, so sehr, daß ihm die Bäume und Wiesen draußen in Schatten zu fallen scheinen, wenn er das Blatt umdreht.
35.
Die Fahrt nach Kirchberg dauert zwei Tage; es ist die erste wirkliche Reise, die Heinrich Pestalozzi macht. Sie geht das Limmattal hinunter über Baden nach Brugg und dann im breiten Aaretal hinauf über Aarau ins Berner Vorland hinein; die Landschaft wechselt aus der waldigen Enge seiner Zürcher Heimat in die breite bernische Behaglichkeit, und auch die Sprache macht diesen Wechsel mit: er nimmt davon so wenig wahr wie von den Mitreisenden. Wenn ihn etwas so bewegt, wie jetzt der Abschied und die kreisenden Gedanken um das Ziel, verlieren seine Sinne den Zugang zum Bewußtsein; er kann stundenlang sitzen und ihren Wahrnehmungen keine Aufmerksamkeit schenken, sodaß sie gleichsam an den Zäunen Wächterdienste tun, indessen seine Seele im Garten ihrer selber spazieren geht.
Erst als sie am zweiten Nachmittag ins weite Emmental hinein fahren und einer beim Anblick der ersten Krappfelder den Namen Tschiffeli ausspricht, wacht er auf und möchte am liebsten gleich aus dem Wagen springen, die berühmte Kultur der Färberröte zu sehen. Er weiß, daß es nur die Wurzeln sind, die den Farbstoff enthalten, an mannshohe Stauden mit stachligen Blättern und Blüten hat er nicht gedacht; als nun ein leiser Wind hindurch rieselt, erschließt sich ihm die beglückende Aussicht, daß dieser Anbau die Schönheit ländlicher Arbeit nicht vermissen lasse: wie beim Korn, beim Flachs und in den Wiesen gibt sich auch hier das Wachstum der Natur als ein Segen, der dem Menschen mit allen Wundern der Blüte und der schwellenden Frucht in die Hände wächst.
Er findet Tschiffeli als einen gebräunten Mann anfangs der Fünfziger, der diesen Überschwall wogender Felder aus einer verwahrlosten Öde geschaffen hat und wie ihr leibhaftiger Gottvater darin umher geht. Als blutarmer Leute Kind verdankt er alles der eigenen Kraft, die seine neumodischen Einfälle gegen die guten Meinungen und Ratschläge der Gewohnheit durchgesetzt hat, bis er als erfolgreicher Mann vor seinem Vaterland dasteht. Das gibt seinem mannhaften Wesen eine andere Geltung, als die Zürcher Herren sie aus ihrer Herkunft oder Gelehrsamkeit besitzen; Heinrich Pestalozzi fühlt hier einen Teil von sich selber zur Vollendung gekommen, und wenn er ihn Vater nennt, wie es auf dem Gut Sitte ist, liegt für ihn ein besonderer Sinn darin. Tschiffeli wiederum freut sich dieses Zöglings, der garnicht das Stadtsöhnchen spielt, den ganzen Tag in Hemdärmeln arbeitet und abends noch lustig ist zu Tabellen und Berechnungen. Wenn seine Ungeschicklichkeit auch viel mit zerschnittenen Fingern und Beulen zu tun hat, so ist doch noch niemand da gewesen, der seinen Spekulationen so begeistert und mit Verständnis anhängt.